Orientierung kommt von Orient

ein Gastkommentar von Dr. Karin Kneissl

Die Beteiligung an den gestrigen Parlamentswahlen im krisengebeutelten Libanon lag bei knapp 40 Prozent. Nicht erfasst sind die Millionen Auslandslibanesen, die sich unter oft sehr mühsamen Umständen an die Urnen begaben. Bei den letzten Wahlen 2018 waren es noch knapp 50 Prozent. Auch in Sachen Wählerfrust ist das kleine Land im östlichen Mittelmeer in gewisser Hinsicht Avantgarde, die auch westliche Staaten erreicht. In der römischen Antike galt schon der Spruch: Ex oriente lux, womit nicht nur ein geografisches Faktum gemeint ist, dass nämlich das Licht im Osten aufgeht. Orient bedeutet semantisch „aufgehen“.

Orientierung im Guten wie im Schlechten

So bediene ich oft und gerne das Wortspiel, dass Orientierung von Orient kommt. Denn ob es sich um das Alphabet handelt, den Ackerbau, die Weltreligionen oder auch ein so hohes Kulturgut wie die Seife, all dies nahm seinen Ausgang im Osten, meist an den Gestaden des östlichen Mittelmeeres und reiste von dort an die anderen Ufer des Mittelmeeres, das die Römer zu Recht ihr „mare nostrum“ (unser Meer) nannten. Das Imperium Romanum war in erster Linie ein Raum der Mittelmeer-Zivilisation.

Der Name Libanon ist um einiges älter als der arabische Nationalstaat, der im Zuge der Neuordnung der nahöstlichen Landkarte nach dem Ersten Weltkrieg geschaffen wurde. Die Zedern des Libanon haben ihren festen Platz in den biblischen Texten, ließ doch aus ihrem Holz König Salomon einst den ersten Tempel bauen, der nie gefunden wurde.

Verbanden viele vor dem offiziellen Ausbruch des Krieges im Jahr 1975, der meist ein Stellvertreterkrieg und nur in Etappen ein Bürgerkrieg war, mit dem Land Wohlstand und Lebensfreude, so wurde Beirut infolge Kidnappings und Autobomben ab den 1980er Jahren bald zum „Zentrum des Terrorismus“. Fast alle Terroristen, von der deutschen RAF über sämtliche arabische und kurdische Extremisten bis zu den Dschihadisten unserer Zeit, nutzten das Vakuum bzw. auch die Schirmherrschaft bestimmter Geldgeber, um im Libanon Unterschlupf zu finden. Der Staat und seine Bevölkerung wurden von Massenmigration, Zerfall der Institutionen, Inflation wie dem permanenten Stromausfall heimgesucht.

Trotz aller Libanisierung existiert das Land

Der Begriff der „Libanisierung“ wurde in den 1970er Jahren geschaffen und begann bald jenen der „Balkanisierung“ zu ersetzen. In beiden Fällen geht es um die Implosion staatlicher Strukturen, um die Auflösung des staatlichen Gewaltmonopols und die Zersplitterung des Staatsgebiets entlang ethnischer und nicht mehr territorialer Grenzen. Als die Bundesrepublik Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre zerfiel, sprachen viele Kommentatoren von der Libanisierung Jugoslawiens, wie 20 Jahre zuvor von der Balkanisierung des Libanons die Rede gewesen war. Der Zerfall der Sowjetunion wurde ebenso oft mit den Kategorien der Balkanisierung und Libanisierung in Verbindung gebracht.

Interessanterweise besteht der Staat Libanon allen Widrigkeiten zum Trotz weiter. Die staatlichen Strukturen und nun auch jene der Banken, die lange das Rückgrat der Wirtschaft bildeten, sind dysfunktional. Aber die Gesellschaft hält trotz der vielen Gräben zwischen den 18 Konfessionen das Land zusammen. Und das erstaunt und ringt Bewunderung ab. Denn die Explosion im Beiruter Hafen im August 2020 war nach Müllkrise und permanenter Versorgungskrise nur ein weiterer grauenhafter Höhepunkt an politischem Versagen, vor allem in der Aufarbeitung dieser Explosion, die in Beirut mehr Schaden anrichtete als die Bombardierungen durch seine Nachbarn.

Allein die Tatsache, dass Millionen Libanesen der Massenarbeitslosigkeit trotzen, neue politische Bewegungen gründen, um den traditionellen Clans und deren Vetternwirtschaft etwas entgegenzusetzen, ringt Bewunderung ab. Ich wäre nicht überrascht, wenn eines Tages libanesische „Experten“ einer zukünftigen deutschen Regierung Tipps geben, wie man eine Zivilgesellschaft durch schwierige Zeiten steuert, also sich im permanenten Stromausfall organisiert und akademisches und kulturelles Leben aufrechterhält. Genau dieses gelingt bereits Generationen von libanesischen Kulturschaffenden und Universitäten. Ob in den desaströsen 1980er Jahren oder aktuell, die Menschen versuchen ihr Land zusammenzuhalten.

Die Mafia ist in sämtlichen Ausprägungen quer im Land verstreut, hat ihre schiitischen wie maronitischen Varianten. Aber das Zusammenleben funktioniert immer noch irgendwie auf mirakulöse Weise. Wie es angesichts der bedrückenden Verarmung der Menschen, der anhalten Präsenz von Millionen Flüchtlingen und der Verknappung der Weizenimporte weitergehen kann, ist schwer zu sagen. Doch wenn es eine Gesellschaft gibt, die immer wieder zu improvisieren versteht, dann ist es die libanesische.

Des Rätsels Lösung mag vielleicht darin begründet sein, dass die Familienstrukturen stark sind, eine Prise Humor stets bei allem mitschwingt und die meisten Libanesen einfach kreative Köpfe sind – im Guten wie im Schlechten.

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