Wie Israels Krieg von 1967 den Aufruhr im heutigen Nahen Osten in die Wege leitete

Ein Aufsatz von Robert Inlakesh

Am 5. Juni 1967 sollte ein Konflikt, der nur sechs Tage dauerte, den gesamten Nahen Osten neu gestalten, den säkularen arabischen Nationalismus stürzen und Tel Aviv mit Washington zusammenschweißen. Dieser als „Sechstagekrieg“ in die Geschichte eingegangene militärische Konflikt wird im populären westlichen Diskurs oft als Sieg der liberalen Demokratie missverstanden. Oft als Kampf zwischen Gut und Böse, dem jüdischen David und dem arabischen Goliath dargestellt, war die wahre Geschichte des dritten arabisch-israelischen Krieges die eines schlauen, aber brutalen politischen Machtspiels Israels. Eines, das eine Umstrukturierung des Widerstands im Nahen Osten gegen den Westen zum Guten oder zum Schlechten sowie der Politik des US-geführten Blocks in der Region zur Folge hatte.

Israel stützte seine Argumentation für das, was es für einen notwendigen und „Präventivkrieg“ hielt, auf Kairos Entscheidung, seine Streitkräfte auf der Sinai-Halbinsel zu versammeln sowie auf die Ankündigung des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, den Golf von Akaba zu schließen. Diese Ereignisse reichten aus, um viele davon zu überzeugen, dass Tel Aviv eine von Präsident Nasser koordinierte Militäroffensive mit Beteiligung Syriens fürchtete. Damaskus hatte mit sowjetischer Unterstützung ebenfalls seine militärische Präsenz in der Nähe der Grenze verstärkt.

Die Realität war jedoch, dass Ägypten in einen zermürbenden Krieg im Jemen verwickelt gewesen war, drei Viertel seines Militärs in dieses Land beordert und dabei fast 10.000 Mann verloren hatte. Das Ganze endete für Nasser dermaßen katastrophal, dass die Intervention dort später von Historikern als „Ägyptens Vietnam“ bezeichnet wurde. Der ägyptische Präsident war eindeutig nicht bereit, sich Israel zu stellen, und hatte seine Truppen im Sinai als Machtdemonstration zusammengezogen, um sein Gesicht zu wahren, als er wegen des Konflikts im Jemen mit Rückschlägen konfrontiert war. Was die Schließung des Golfs von Akaba betrifft, so hat Nasser die Sperrung der Straße von Tiran nie richtig umgesetzt, und trotz aller Rhetorik wurden sie nie länger als einen Tag geschlossen.

Dann, am 5. Juni 1967, startete Israel die „Operation Focus„, einen Luftangriff, der fast die gesamte ägyptische Luftwaffe innerhalb weniger Minuten vernichtete und damit das in die Wege leitete, was ein überwältigender Sieg für die Israelis werden sollte.

Vor dem Krieg lautete die Einschätzung von US-Präsident Lyndon B. Johnson gegenüber Israel, der US-Geheimdienst glaube, dass die Vereinigte Arabische Republik (ein vorübergehender Zusammenschluss Ägyptens und Syriens) nicht angreifen werde, und wenn sie dies doch täte, Israel Ägypten „in die Hölle prügeln würde“.

Leonid Breschnew, der damalige Generalsekretär der KPdSU, hatte vor dem Sechstagekrieg in einem Schriftsatz erklärt, dass Israel riesige Mengen an Waffen aus dem Westen erhalten habe. Breschnew brachte weiter die Befürchtung seiner Regierung zum Ausdruck, dass die Schwächung der arabischen Nationen zum Zusammenbruch der antikolonialen Bewegung im Nahen Osten führen könnte. Nach dem Krieg waren Ägypten, Jordanien, Syrien und Palästina entscheidend besiegt worden. Dies beendete jedoch nicht die antikolonialen Bewegung im Nahen Osten, sondern ebnete stattdessen den Weg für Reformen.

Die USA waren begeistert von Israels Sieg über seine arabischen Nachbarn und betrachteten den Krieg als den eigenen Interessen dienend, indem Nasser auf seinen Platz verwiesen und die sowjetischen Verbündeten geschwächt wurden. Washington schätzte Israel nun als wesentlichen Bestandteil seiner Strategie im Kalten Krieg gegen die UdSSR ein. Was folgte, war die unvermeidliche Vertiefung der Beziehungen zwischen Israel und den USA, die den Weg für das Bündnis ebnete, das wir heute kennen. Israel hatte sich seinen Platz unter den westlichen Nationen verdient und würde bei der Umsetzung der nachfolgenden „Kissinger-Doktrin“ mithelfen, die von den USA im Nahen Osten zur Anwendung kam.

Der Sieg von 1967 war ein überwältigender Sieg für Israel, das damit seinen Platz in der Region festigte, aber er stellte gleichzeitig eine Katastrophe für die Araber dar, die als „Nakba“ (Arabisch für Katastrophe oder Unglück) bezeichnet wird. Über 300.000 Palästinenser wurden aus ihrer Heimat vertrieben, als Israel, neben der ägyptischen Sinai-Halbinsel und den syrischen Golanhöhen, auch das gesamte historische Palästina besetzte. Darüber hinaus hatte der Krieg den säkularen arabischen Nationalismus weitgehend weggefegt und der nach dem ägyptischen Präsidenten benannten Ideologie des „Nasserismus“ einen Todesstoß versetzt.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren die populärsten politischen Ideologien im Nahen Osten der arabische Nationalismus, der sozialistische Panarabismus und der Kommunismus gewesen. Der ägyptische Präsident, der 1970 und damit nur wenige Jahre später an einem Herzinfarkt starb, war der wichtigste Einflussfaktor auf die arabischen Revolutionäre gewesen, die es damals in der Region gegeben hatte. Mit dem wahrgenommenen Scheitern des arabischen Nationalismus entstand in der Folge eine Reihe sich konkurrierender Ideologien, mit denen arabische Bewegungen und Führer ihre Feinde bekämpfen wollten. Die prominenteste unter dieser Ideologien wurde später zum revolutionären Islamismus, zu dessen Unterdrückung Nasser tatsächlich beigetragen hatte und der sich in Form der ägyptischen Muslimbruderschaft manifestierte.

Was Palästina anbelangt, würden ab da zukünftige Verhandlungen über die palästinensische Eigenstaatlichkeit die 22 Prozent des Landes als Gegenstand haben – das Westjordanland, Ostjerusalem und den Gazastreifen –, die Israel während des Krieges von 1967 besetzt hatte. Israel trat allmählich als eine Großmacht hervor, die in erster Linie einer US-Agenda in der Region dienen würde und ab diesem Punkt scheinbar ungestraft gegen seine Feinde vorgehen konnte.

Heute werden über 1.000 Palästinenser aus ihren Häusern vertrieben, während israelische Truppen eine Ansammlung von Dörfern im Westjordanland planieren, die als Masafer Jatta bekannt sind. Dies ist der größte Akt der ethnischen Säuberung, der seit dem Krieg von 1967 von Tel Aviv gegen die Palästinenser angeordnet wurde. Die Position, die von den USA ab 1967 eingenommen wurde, Israel bedingungslos zu unterstützen, hat sich nicht geändert. Die Nützlichkeit des kleinen Landes für Washingtons Agenda in der Region und dessen mächtige Lobby in den USA bedeutet, dass Israels Menschenrechtsverletzungen ignoriert werden.

Daher stößt das Verhalten Tel Avivs 55 Jahre nach dem Sechstagekrieg auf keinerlei Hindernisse. Israel scheint einen Freibrief zu besitzen, um auf beliebige Weise gegen seine Feinde vorzugehen, selbst wenn dies im Widerspruch zur US-Politik steht.

Übersetzt aus dem Englischen. Robert Inlakesh ist politischer Analyst, Journalist und Dokumentarfilmer und lebt derzeit in London. Er hat aus den besetzten palästinensischen Gebieten berichtet und dort gelebt und arbeitet derzeit für Quds News und Press TV. Er ist Regisseur des Films“Diebstahl des Jahrhunderts: Trumps Palästina-Israel-Katastrophe„. Man kann ihm auf Twitter unter @falasteen47 folgen.

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