"In der Gunst Washingtons" – Wie die USA ihre militärische Erschließung Polens fortsetzen

Eine Analyse von Alexander Karpow und Aljona Medwedewa

Innerhalb eines Jahrzehnts werden die Vereinigten Staaten von Amerika in Polen mehr als 100 militärische Objekte für verschiedene Zwecke errichtet haben. Das berichtete der neue US-amerikanische Botschafter in Polen Mark Francis Brzezinski. Nach seinen Worten senden Washington und Warschau auf diese Weise eine „Botschaft“ an Russland über ihre Bereitschaft, gemeinsam auf jede Bedrohung zu reagieren. Die Experten erinnern ihrerseits daran, dass die polnische Regierung seit langem ihre Absicht bekundet, die militärische Kollaboration mit den US-Amerikanern zu vertiefen, da dies Warschau geopolitische Vorteile sowohl in Europa als auch innerhalb der NATO verschaffen würde. Von großem Nutzen ist diese Ausrichtung auch für das Weiße Haus in Washington, D.C., wo man weiterhin eine ehrgeizige Strategie gegen die Russische Föderation verfolgt, so die Analysten.

„Für die nächsten zehn Jahre sind mehr als 110 Bauprojekte geplant“, zitierte TASS die Worte des US-Botschafters Brzezinski.

Nach seinen Worten sind sie notwendig, „um die militärische Bereitschaft ernsthaft zu erhöhen“.

„Die heutige Zeremonie des ersten Spatenstichs ist nur eine von acht in diesem Sommer in Polen geplanten“, sagte Brzezinski. Er fügte hinzu, dass der militärische Aufbau von der Bereitschaft der USA und Polens zeuge, gemeinsam auf Bedrohungen zu reagieren, und bezeichnete die in Powidz (ehemals deutsch Kurheim genannt) zu errichtenden Waffendepots als „abschreckendes Element“.

Laut Brzezinski „sind wir [USA und Polen] vereint, wir stehen zusammen, und diese Botschaft wird in Russland sehr gut gehört und verstanden.“

Der Bau von Munitionsdepots in Powidz ist Teil eines Aktionsplans für Einsatzbereitschaft, der auf dem NATO-Gipfel 2014 in Wales verabschiedet wurde. Dieser Plan sieht unter anderem die Errichtung von Gebäudekomplexen für Waffen und Ausrüstung vor.

Insgesamt werden 56 Depots gebaut, von denen 51 von den Amerikanern und 5 vom polnischen Militär belegt werden. Das polnische Verteidigungsministerium berichtet, dass die in diesem Rahmen geschaffene Infrastruktur einen schnellen Einsatz zusätzlicher Kampffähigkeiten in Mittel- und Osteuropa in Form von bemannten Kräften der NATO-Verbündeten ermöglichen.

Bevorzugter „Kunde“

In den letzten Jahren entwickelt Polen sehr tatkräftig seine militärische Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten, die sich nicht nur darin äußert, dass Polen die militärische Infrastruktur der USA beherbergt, sondern auch in umfangreichen Waffenkäufen im Pentagon und beim militärisch-industriellen Komplex (MIK) der USA ihren Ausdruck findet.

Im Zeitraum von 2015 bis 2019 verkauften die USA an Polen militärische Ausrüstung im Wert von 861 Millionen US-Dollar, darunter Transportmittel, Gasturbinenmotoren, Feuerleitsysteme und Laserleitsysteme.

Im März 2018 unterzeichnete Polen einen Vertrag über den Erwerb von Patriot-Luftabwehrsystemen des Konzerns Raytheon im Wert von 4,75 Milliarden US-Dollar. Und im Jahr 2020 wurde ein weiterer Vertrag über 4,6 Milliarden unterzeichnet – diesmal für den Kauf und die Wartung von 32 Kampfjets des modernen Typs F-35A Lightning.

Zudem plant die polnische Regierung den Ankauf von 500 HIMARS-Mehrfachraketenwerfern von den Amerikanern für 411 Millionen Dollar.

Das Außenministerium schätzt das Portfolio an Aufträgen für Rüstungsgüter, Militärtechnik und Ausrüstung für Warschau auf 15,66 Milliarden US-Dollar. Dazu gehören auch Panzerabwehrraketen vom Typ FGM-148 Javelin, Luft-Luft-Raketen vom Typ AIM-120C-7, die Wartung von F-16-Kampfflugzeugen und so weiter.

All dies mache Warschau „zu einem wichtigen strategischen Verbündeten in Mitteleuropa“, der „mit den Vereinigten Staaten auf internationalen Foren zusammenarbeitet, um Stabilität und Sicherheit in der Region und darüber hinaus zu fördern“, wird im US-Außenministerium betont.

Dabei verschweigt man in Washington gar nicht, dass diese intensivere militärische Zusammenarbeit mit Polen vor allem gegen Russland gerichtet ist.

„Die Vereinigten Staaten und Polen bemühen sich gemeinsam um die Aufrechterhaltung eines Vorpostens zum Schutz der Allianz und als Gegenmaßnahme zu Russland, das weiterhin die auf Regeln basierende internationale Ordnung untergräbt. Die Vereinigten Staaten führen eine verstärkte Vornepräsenz (eFP) in Polen an und stationieren gepanzerte Brigadekampftruppen auf Rotationsbasis als Teil der Operation Atlantic Resolve, die von der Europäischen Abschreckungsinitiative finanziert wird“, betonte das US-Außenministerium.

Zusätzlich unterschrieben Warschau und Washington im Jahr 2019 zwei gemeinsame Deklarationen, in denen geplante Standorte für eine verstärkte US-Militärpräsenz in Polen aufgelistet sind, und im Jahr 2020 wurde das Abkommen über verstärkte Verteidigungszusammenarbeit (EDCA) geschlossen. Zum heutigen Zeitpunkt sind rund 4.500 US-Soldaten auf Rotationsbasis in Polen stationiert.

US-Außenminister Antony Blinken besuchte Polen im März und lobte, die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern habe ein neues Niveau erreicht.

„Es scheint mir, man darf mit Sicherheit sagen, dass die Zusammenarbeit im Bereich der Verteidigung zwischen Polen und den USA als NATO-Verbündete enger ist als je zuvor. Und wir haben erheblich die Anzahl und das Spektrum des militärischen Apparats und der Fähigkeiten erhöht, die in Polen eingesetzt werden“, sagte der US-Chefdiplomat.

Die antirussische Richtung

Die Politologen halten fest, dass die Ausweitung der amerikanischen Militärpräsenz auf dem polnischen Staatsgebiet faktisch eine Aufgabe für die Stärkung der eigenen Rolle darstellt.

„Der US-Botschafter sagte im Prinzip, dass Washington die Kolonisierung dieses Landes fortsetzen werde, weil die Errichtung von Militärbasen in solchem Umfang nur auf einem entsprechenden Territorium möglich ist. Die Interessen der USA werden höher geschätzt als die nationalen Interessen Polens, auf dessen Boden sich die US-amerikanischen Stützpunkte befinden“, erklärte der Militärexperte Wiktor Litowkin in einem Gespräch mit RT.

Jedenfalls imponiert diese Sachlage offenbar der polnischen Seite, so der Experte.

„Mehr noch, Präsident Duda versuchte einst Donald Trump zu überreden, einen amerikanischen Stützpunkt auf polnischem Territorium zu errichten und versprach, dafür sogar selbst  2 Milliarden Dollar zu zahlen, denn offensichtlich möchte Polen gern eine Kolonie der Vereinigten Staaten sein“, so Litowkin.

Er erinnerte daran, dass Polen in den letzten Jahren kein Geheimnis aus seiner Absicht gemacht hat, der wichtigste Verbündete der USA in Europa zu werden und damit zugleich seinen eigenen Status in der nordatlantischen NATO-Allianz zu erhöhen.

„Auf diese Weise versucht die polnische Regierung die Möglichkeit zu erhalten, Einfluss auf andere Länder in Europa nehmen zu können, ohne dafür eine Gegenleistung zu erbringen. Als Günstling Washingtons wird Polen seine Politik jedem aufzwingen können, ohne Verpflichtungen zu übernehmen“, meint der Analyst.

Sergei Jermakow, ein führender Experte des Russischen Instituts für Strategische Studien (RISS), stellte seinerseits fest, dass die gegenwärtige US-Politik in Richtung Polen eine Fortsetzung der US-Strategie zur Eindämmung Russlands ist.

„All diese Maßnahmen entsprechen eindeutig den Plänen Washingtons und der NATO zur sogenannten Eindämmung, in Wirklichkeit aber zur Bekämpfung von Russland. In jüngster Zeit erhöhen die USA systematisch sowohl ihren Militärhaushalt als auch ihre Militärausgaben, von denen der größte Teil für den Widerstand gegen Russland gedacht ist. Mit diesen Mitteln erweitert das US-Kommando in Europa seine militärische Infrastruktur, erhöht die Kapazität und die Zahl seiner Streitkräfte, die dort dauerhaft stationiert sind“, erklärte der Experte.

Nach seinen Worten war und ist die Hauptaufgabe des US-Militärs in Europa und der gesamten NATO die Bekämpfung Russlands, worüber die US-Militärkommandeure offen sprechen.

„Deswegen liegt die Priorität auf der östlichen Flanke und den Verbündeten, welche die USA bei diesen Bemühungen am meisten unterstützen – also bei den baltischen Staaten und Polen. Im gleichen Kontext sind die Bemühungen zu sehen, die nördlichen Länder – also Schweden und Finnland – in den NATO-Block zu holen. All das geschieht ausschließlich zu dem Zweck, Russland ‚einzudämmen‘ „, unterstrich Jermakow.

Übersetzt aus dem Russischen

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