Selenskijs Kriegsverlängerung kostet täglich hunderte Menschen das Leben

von Wladislaw Schurygin

Eine sinnvolle Verteidigung von bislang behaupteten Stellungen würde es ermöglichen, den Feind hoffentlich lange an Ort und Stelle zu halten, ihn in Stellungskämpfen zu zermürben, um so Zeit zu gewinnen, sich neu formieren und Reserven bilden zu können. Jedoch nur dann, wenn auch die Mittel für die Verteidigung aufrechterhalten werden, wenn die Verteidigung selbst stabil bleibt, ständig mit Reserven versorgt wird und tatsächlich Zeit für den Aufbau von Einsatzkräften gewonnen wird. Sind diese Bedingungen nicht gegeben, so wird die Verteidigung zu einem „Fleischwolf“, der die Truppen zermalmt, indem sie schwere Verluste erleiden. Die Front wird langsam an verschiedenen Stellungen „durchlöchert“ und verwandelt sich allmählich in eine Reihe lokaler Stellungen und halber oder ganzer Umschließungen, mit der Aussicht auf vollständige Durchbrüche und die Bildung operativer Breschen mit allen sich daraus ergebenden Umständen.

Die einzige Möglichkeit, unter diesen Bedingungen Menschen zu retten, besteht im rechtzeitigen Rückzug in neue, vorteilhaftere Positionen. Doch die Führung der ukrainischen Streitkräfte entscheidet im Bewusstsein, dass der Rückzug die schlechteste Option für Kampfhandlungen ist. Bei einem Rückzug kann man im besten Fall Menschen retten – aber selbst dann nicht immer, denn der Rückzug auf Strassen geschieht und oft unter feindlichem Beschuss und Luftangriffen. Ein Rückzug ist auch ein Weg mit ständigen Verlusten, sogar dann, wenn man versucht, ihn heimlich und bei Nacht anzutreten, denn moderne Waffen erlauben es, den Feind zu jeder Tageszeit zu bekämpfen.

Das zweite Problem eines Rückzugs besteht darin, dass man sich mit einer begrenzten Anzahl von Fahrzeugen nur „erleichtert“ zurückziehen kann. Der überwiegende Teil der Bewaffnung, der Munition und der Lebensmittel, die für eine längere Verteidigung angelegt wurden, wäre dann aufzugeben oder bestenfalls durch eine Sprengung zu vernichten, aber auch nur dann, wenn dafür noch die Zeit bleibt.

Das dritte Problem bei einem Rückzug ist die Notwenigkeit, zum Feind Distanz zu gewinnen, und zwar für so lange, bis eine neue Verteidigungslinie erreicht und gefestigt wäre, und dies kann nur geschehen, bevor auch die endgültig durchbrochen wird und der Feind einem förmlich in den Rücken fällt.

Unter den gegebenen Umständen wählte das ukrainische Kommando die zynischste aller Varianten der Kriegsführung, bei der nämlich die an der Berührungslinie kämpfenden Truppen bis zur letzten Phase in ihren Stellungen gehalten werden, fast bis zu ihrer völligen Vernichtung. In dieser Zeit besetzen die versammelten Reserven hinter ihrem Rücken neue Verteidigungslinien, zu denen auch die von außerhalb der Frontlinien operierende Artillerie zurückgezogen wird. Danach wiederholt sich diese Situation erneut. Die russischen Einheiten greifen sie an, zermalmen sie, durchbrechen sie und stoßen erneut bis auf die neue ukrainische Verteidigungslinie vor. Diese Strategie verschafft den Verteidigern ein Maximum an Zeit, bewirkt aber auf der Kehrseite enorme Verluste für die ukrainischen Streitkräfte. Vergangene Woche gab der ukrainische Präsident Selenskij überraschend bekannt, dass die ukrainische Armee Tag für Tag zwischen 60 und 100 Tote und bis zu 500 Verwundete zu beklagen habe. Allerdings besteht Grund zu der Annahme, dass er auch dabei noch versucht, die tatsächlichen Verluste zu verschleiern, indem er solche Zahlen angibt, auch wenn die um ein Vielfaches höher sind als die früher gemeldeten. Nach Informationen im Pentagon, wo man die tatsächliche Lage an der Front in der Ukraine sehr gut kennen sollte, verzeichnen die ukrainischen Streitkräfte täglich bis zu 300 Tote und bis zu 1.000 Verwundete.

Eine derart kannibalistische Taktik wäre nur dann gerechtfertigt, wenn damit Zeit für die Vorbereitung einer Offensive gewonnen würde, wenn also Reserven für einen mächtigen Gegenangriff gebildet werden sollen. Einen solchen Schritt kündigt Kiew seit Langem an, doch gibt es bisher keinerlei Indizien dafür, dass derartige Vorbereitungen im Gange sind. Das Formieren von Reserven findet in der Westukraine ohne Unterbrechung statt, was jedoch bisher nur den Verlust an Truppenstärke im Osten ausgleicht. Und dabei nimmt das Ausbildungsniveau der Soldaten ständig ab, während es an Ausrüstung und schweren Waffen bisher offenbar mangelt. Außerdem haben die ukrainischen Streitkräfte keine erfolgreiche Kampferfahrung mit einer solch komplexen Angelegenheit wie einer Offensive. Sämtliche bisherigen Versuche von Offensiven endeten ergebnislos und mit schweren eigenen Verlusten. Und es gibt zunehmend Grund zu der Annahme, dass dieser „Fleischwolf“ allein das Ziel verfolgt, den Krieg zu verlängern. Dies scheint heute die Hauptstrategie der ukrainischen Streitkräfte zu sein.

Allem Anschein nach hoffen die politische Führung in Kiew und das ukrainische Kommando weiterhin darauf, dass die russische Armee erschöpft sei, ihre Kräfte aufzehrt habe, ihre Initiative und ihr Offensivpotenzial verliere, woraufhin der Krieg in eine langwierige Phase eintritt und die russische politische Führung gezwungen sein werde, diplomatische Lösungen zu den Bedingungen des Westens zu suchen, der dann als „Vermittler“ auftreten wird. Dazu wird es nicht kommen. Jedoch bezahlt das ukrainische Volk für diese Erwartung täglich mit dem Leben Hunderter seiner Soldaten, die von Selenskij in diesen Fleischwolf vor Donezk geschickt werden.

Mehr zum Thema – Donezk: Todesurteil gegen ausländische Söldner gesprochen

Übersetzt aus dem Russischen

Wladislaw Schurygin ist ein professioneller Kriegsberichterstatter mit über 120 Einsätzen an unterschiedlichen Brennpunkten in Jahren 1991 bis 2003 und ein in russischen Medien viel zitierter Militäranalytiker und politischer Beobachter. Er gehört der konservativen russischen Denkfabrik „Isborsk-Klub“ an, die sich mit Fragen der Innen- und Außenpolitik Russlands beschäftigt.



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