Talfahrt am Aktien- und Anleihemarkt: EZB trifft sich zu Krisensitzung

Die Geldpolitiker der Europäischen Zentralbank (EZB) haben angesichts der Unruhen an den Finanzmärkten überraschend eine außerordentliche Ratssitzung einberufen. „Der EZB-Rat wird am Mittwoch eine Ad-hoc-Sitzung abhalten, um die aktuellen Marktbedingungen zu diskutieren“, erklärte ein Sprecher der Zentralbank am Mittwochmorgen. Nach Angaben mehrer Insider laufe die Sitzung demnach bereits seit 11.00 Uhr. Es sei allerdings noch nicht klar, ob im Anschluss eine Mitteilung veröffentlicht werde.

Obwohl die EZB keine Angaben zur Tagesordnung machte, hat die Nachricht bereits jetzt schon Auswirkungen auf die Finanzmärkte. So legte der Euro nach bekanntwerden um 0,7 Prozent auf 1,049 US-Dollar zu. Der Dax stieg um bis zu 1,3 Prozent auf 13.481 Punkte an. Die Rendite der zehnjährigen italienischen Staatsanleihen fiel im Gegenzug allerdings um fast 30 Basispunkte auf 3,87 Prozent.

Vergangene Woche hatte die EZB auf ihrer jüngsten Sitzung eine Reihe von Zinserhöhungen angekündigt, was dazu führte, dass der Renditeabstand (Spread) zwischen den Staatsanleihen Deutschlands und denen höher verschuldeter südlicher Euro-Länder, insbesondere Italien, auf den höchsten Stand seit über zwei Jahren stieg. Das brachte die EZB in eine Zwickmühle. Auf der einen Seite muss sie die Inflation bekämpfen. Auf der anderen Seite zeitgleich aber auch schauen, welche Zinsatzhöhe sie hoch verschuldeten Euro-Staaten wie etwa  Italien oder Griechenland zumuten kann.

Bereits in den vergangenen Tagen hatte sich die Aktienmarktstimmung deutlich verschlechtert, da die Zinsen an den Kapitalmärkten aufgrund der zuvor angekündigten strafferen Geldpolitik der US-Notenbank Fed sowie der verkündeten Zinsanhebung der EZB stark gestiegen waren. Das zeigte sich zuletzt besonders deutlich in südeuropäischen Ländern und löste eine Verkaufswelle an den Aktien- und Anleihemärkten aus. Die Ankündigung der EZB, ihre Neukäufe von Staatsanleihen bereits schon Anfang Juli einzustellen, feuerte die derzeitige Entwicklung Analysten zufolge zusätzlich an. 

Vor diesem Hintergrund hatte EZB-Direktorin Isabel Schnabel vor wenigen Tagen erklärt, dass die Zentralbank gegen die Ausweitung der Spreads vorgehen wolle. Man beobachte die Entwicklung am Anleihemarkt genau und werde bei einem ungeordneten Anstieg der Finanzierungskosten stärker verschuldeter Euro-Länder einschreiten, so Schnabel. Das Engagement für den Euro sei das Werkzeug der Notenbank gegen eine solche Fragmentierung, erklärte die Direktorin weiter und betonte:

„Dieses Engagement kennt keine Grenzen.“

Auf neue Notfälle könne die EZB mit bestehenden oder auch neuen Instrumenten reagieren, so Schnabel. „Diese Instrumente könnten wieder anders aussehen, mit anderen Bedingungen, anderer Dauer und anderen Schutzmaßnahmen, damit wir fest im Rahmen unseres Mandats bleiben.“ Als Beispiele verwies sie auf das Pandemie-Notkaufprogramm der EZB sowie das Konzept der Outright Monetary Transactions. Diese hatte zuletzt der ehemalige Präsident Mario Draghi in den Raum gestellt, der im Rahmen der Eurokrise 2012 angekündigt hatte, „alles Notwendige zu tun, um den Euro zu erhalten“. 

Allerdings deutete Schnabel vage an, dass ein neues „Instrument“ nicht ganz ohne Auflagen daherkommen könne. Ein erstes Gegenmittel, um die Renditeabstände einzudämmen, sei der EZB-Direktorin zufolge die flexible Wiederanlage der Gelder aus abgelaufenen Anleihen im Rahmen des billionenschweren Bond-Kaufprogramms PEPP.

Die geplanten Rettungsprogramme der EZB überzeugen jedoch nicht jeden. Investoren, die sich an großformatige Marktinterventionen der EZB gewöhnt haben, sind demnach noch nicht davon überzeugt, dass die Notenbank die Fremdkapitalkosten anheben und gleichzeitig die Anleiherenditen der am stärksten gefährdeten Mitglieder der Region in Schach halten kann. Insbesondere die hohe Inflation von derzeit mehr als 8 Prozent sowie die Folgen der Coronapandemie seien ein Problem. 

„Die Aktienmärkte ächzen unter den Inflationssorgen, ebenso unter Lieferkettenproblemen und schwindender Konjunkturzuversicht“, erklärte Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Sparkassen-Wertpapiertochter Dekabank dem Handelsblatt. An den Rentenmärkten hätten kräftig angesprungene Inflationserwartungen auf die Kurse gedrückt und die Renditen „dramatisch nach oben gezogen“. Entspannung an den Finanzmärkten sei somit vorerst nicht in Sicht. 

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