Polen: Keine bewaffneten Geheimdienstagenten bei Besuchen israelischer Jugendlicher

Wenn nicht gerade Corona die Pläne durchkreuzte, reisen alljährlich zehntausende israelischer Jugendlicher nach Polen, um dort Gedenkstätten zu besuchen und über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust zu lernen. In diesem Jahr wurden die Reisen jedoch abgesagt. Hintergrund ist die Entscheidung in Warschau, dass diese Jugendlichen nicht mehr von bewaffneten Agenten des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet begleitet werden sollen, weil dies ein falsches Bild vermittele, wie es hieß.

Am Dienstag kündigte daraufhin das israelische Bildungsministerium an, dass vorerst alle Klassenfahrten nach Polen abgesagt seien. „Es wurde beschlossen, die Aktivitäten der Jugenddelegationen nach Polen zum jetzigen Zeitpunkt auf Eis zu legen“, hieß es in einer Mitteilung an die rund 7.000 Schüler, die eine Reise für diesen Sommer bereits geplant hatten.

Łukasz Jasina, Sprecher des polnischen Außenministeriums, äußerte sich am Mittwoch dazu und betonte, das Land könne sich „keine Situationen leisten, in denen Polen als gefährlicher Staat erscheint, vor dessen Bürgern man die israelische Jugend schützen muss“.

„Auch eine Situation, in der die Sicherheitsdienste eines anderen Landes Waffen auf dem Territorium unseres Landes mit sich führen, ist nicht länger tolerierbar“, fügte er hinzu und betonte, Polen hoffe auf eine baldige Einigung in der Frage.

„Wir hoffen, dass die Lösung einer Situation, die ein Gefühl der Gefahr hervorruft, jungen Israelis, die nach Polen kommen, helfen wird, zu sehen, dass wir ein normales Land sind und nicht nur ein Ort, der mit dem Tod ihrer Großeltern in Verbindung gebracht wird, ohne dass der polnische Staat und die polnische Nation daran schuld sind“, so Jasina.

Bereits im vergangenen Sommer hatte der stellvertretende polnische Außenminister Pawel Jabłoński mit der Absage der Reisen droht. Medienberichten zufolge ging es dabei auch um einen diplomatischen Streit zwischen Polen und Israel, wegen eines polnischen Gesetzes, das Restitutionsansprüche aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stark einschränkt.

Darüber hinaus hatte sich die polnische Seite des Öfteren über den Eindruck beschwert, den junge Israelis von diesen Reisen mitnahmen. Laut dem stellvertretenden polnischen Außenminister Paweł Jabłoński hat sich Polen im Dezember 2021 an Israel gewandt, um die israelische Seite darüber zu informieren, dass die Reisen auf andere Weise durchgeführt werden sollten. Als im März ein neuer israelischer Botschafter in Warschau eintraf, wurde das Thema erneut aufgegriffen.

Israelischen Medienberichten zufolge erklärte das Außenministerium in Jerusalem in diesen Tagen, dass die Verhandlungen mit der polnischen Regierung andauern und dass Polen „an einer Fortsetzung der Studentenreisen aus Israel interessiert ist“. Die israelische Seite bemühe sich, die Reisen zu ermöglichen.

Am späten Mittwoch veröffentlichte der stellvertretende polnische Außenminister Pawel Jabłoński einen längeren Eintrag auf Twitter, in dem er schrieb, dass israelische Jugendliche von den Reisen oft mit negativen Gefühlen gegenüber dem heutigen Polen und den Menschen in Polen zurückkehren.

Jabłoński betonte, dass die Reisen in der bisherigen Form den polnisch-israelischen Beziehungen schadeten, da die israelischen Jugendlichen das Land und die Bevölkerung nur „aus der Perspektive der deutschen Konzentrationslager“ kennenlernen. Dabei bliebe die Gesamtheit der polnisch-jüdischen Beziehungen, die über tausend Jahre andauerten, außen vor. Durch die Reisen würden in den jugendlichen Köpfen negative Stereotypen verankert. Die Anwesenheit der bewaffneten Geheimdienstagenten erwecke „bei den Teilnehmern der Reisen den falschen Eindruck“, „Polen sei ein gefährlicher Ort“.

Laut Jabłoński sei es nicht die Absicht Polens, israelische Jugendliche daran zu hindern, das Land zu besuchen. Allerdings sollten die Reisen so organisiert werden, dass sie freundschaftliche Beziehungen zwischen Israelis und Polen fördern, anstatt diese zu schädigen.

Eltern, die bereits für die Reisen bezahlt haben, sollen die Kosten zurückerstattet bekommen, hieß es seitens des israelischen Bildungsministeriums gegenüber dem Nationalen Elternrat in einem Bericht von Channel 12 News. Allerdings war nicht klar, ob wirklich alle die insgesamt hohen Kosten, die sie für die Reise ausgegeben haben, tatsächlich zurückbekommen werden, so der Bericht, was entsprechende Frustration bei einigen Eltern hinterließ.

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