Berliner Kultursommerfestival beginnt mit Puccini und Tschaikowski, aber ohne Netrebko — RT DE

Trotz hoher Temperaturen ist es der Staatsoper gelungen, Musikliebhaber am Wochenende mit einem atemberaubenden Programm auf dem Bebelplatz in Berlin zu begeistern – ganz kostenlos. Vom ursprünglichen Programm gab es eine wesentliche Abweichung.

von Wladislaw Sankin

Die Rettungssanitäter schlenderten durch die Reihen der von ihren Klappstühlen aufstehenden Menschen und suchten nach Betätigung – zum Glück ohne Erfolg. Zwei Krankenwagen blieben am Rand des abgeriegelten Bebelplatzes in Berlin-Mitte stehen, geöffnet und leer. Kein Hitzschlag oder sonstiger Notfall, weder am Sonntag noch am Vortag, als die Staatsoper Unter den Linden den ersten Tag ihres Programms „Oper für alle“ absolviert hatte.

Stundenlang ertönte im schön gelegenen Raum zwischen der Staatsoper und der Humboldt-Universität die schönsten Klänge aus berühmten Symphonien und Arien. Und das ist erst der Anfang. Mit dem Picknicken am Bebelplatz hat der Kultursommerfestival Berlin 2022 erst begonnen. Geplant sind insgesamt 90 kostenlose Kulturveranstaltungen für draußen, die bis Mitte September an verschiedenen Orten in Berlin stattfinden werden. Laut Staatsoper kamen allein an den ersten zwei Tagen 22.000 Menschen zum feierlichen Auftakt des Festivals.

Am Sonntag spielte Chefdirigent Daniel Barenboim mit seiner Staatskapelle, dem Orchester der Staatsoper, die 4. Symphonie von Robert Schumann und die 5. Symphonie („Schicksalsymphonie“) von Pjotr Tschaikowski. Der finale Satz Andante maestoso eines der am meisten gespielten Komponisten weltweit war unter dem freien Himmel im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend. Nach nicht enden wollenden Applaus legten Barenboim und seine Truppe nach und drückten mit der „Onegin“-Polonaise ebenjenes Komponisten wieder erbarmungslos auf die Tränendrüsen der Zuschauer.

„Ein schöner russischer Abschluss“, könnte man meinen – die Gespräche über die angebliche Abschaffung russischer Kultur im Westen seien maßlos übertrieben, zumal auch am Vorabend alle Titelpartien bei der „Turandot“-Premiere des Regisseurs Philipp Stölzl russischen bzw. russischsprachigen Künstlern gehört hatten – Elena Pankratova als Prinzessin Turandot, Yusif Eyvazov als Prinz Calàf und Aida Garifullina als verliebte Sklavin Liù. Die Premiere war trotz der unkonventionellen Regie-Lösungen für das Kultmeisterwerk von Giacomo Puccini ein voller Erfolg, und die drei Genannten wurden mit anderen Stars des Abends später, als sie aus dem Opernhaus kamen, auf offener Bühne am Bebelplatz vom Publikum herzlichst gefeiert.

Seit Jahren singt Eyvasov diese wohl begehrteste männliche Opernrolle auf den besten internationalen Bühnen, und auch in Berlin stellte er sein Talent noch mal unter Beweis. Opern- & Konzertkritik Berlin bleibt wohlwollend: „Der Calaf von Yusif Eyvazov überrascht als gestandenes Tenormannsbild, tragfähig in der Höhe, sonor-klangvoll bei ‚Non piangere, Liù‘. Eyvazovs Tenor hat an Schwere gewonnen“.

Garifullina debütierte als Liù und erntete dafür beim Publikum wohl den dankbarsten Applaus. Die Rolle eines Mädchens, das sein Leben für ihren Geliebten opfert, ist ihr als Snegurotschka und Wolchowa (Sadko) aus Korsakow-Opern bestens vertraut. Auch Pankratova war auf vertrautem Terrain: Als erfahrene Turandot machte sie eine sehr gute Figur, schauspielerisch wie musikalisch.

Doch wenn man bedenkt, dass an ihrer Stelle Anna Netrebko singen könnte, kommt man schon ins Grübeln, ob der Ersatz ebenbürtig war. Dem Autor dieser Zeilen fehlten jedenfalls Wucht und Charisma Netrebkos an diesem Abend ganz deutlich. Die Berliner wissen, wovon ist die Rede.

„Standing Ovations für den Auftritt, den man so nicht vergessen wird. Anna Netrebko mit Turandots Arie ‚In questa reggia‘, die alle Facetten und Farben ihrer einzigartigen Stimme zeigen kann. Jubel in Berlin für die russische Sopranistin“, kommentierte das ZDF Netrebkos Konzert in der Berliner Waldbühne am 31. August 2017.

Turandots Antritts-Arie „In questa reggia“ gilt als eine der anspruchsvollsten in der gesamten Operngeschichte. Das Hysterische in der Stimme der verhexten Prinzesse ist ruinierend für die Stimmbänder. Wenn man Netrebko singen hört, scheint es, als könne sie mit der Kraft ihrer Stimme Wände durchbrechen. Diesen Eindruck hatte ich bei Pankratova nicht. Es war im Wesentlichen der ursprünglich vorgesehenen Teilnahme Netrebkos zu verdanken, dass alle Tickets für die Turandot-Premiere in Berlin schon mehrere Monate vorher ausverkauft waren. Netrebko ist ein wahrer Publikumsmagnet. Pankratova war als Zweitsängerin allerdings von Anfang an engagiert.

Ihre Teilnahme an Turandot sagte Netrebko Anfang März nach einer Aufforderung des Intendanten, sich „von dem völkerrechtswidrigen Krieg zu distanzieren, den die russische Regierung gegen die Ukraine führt“ im Einvernehmen mit dem Opernhaus ab.

Man schätze Netrebko als herausragende Künstlerin und verbinde mit ihr eine langjährige künstlerische Partnerschaft, heißt es in dem Statement des Intendanten Matthias Schulz weiter. „Gleichzeitig sehen wir angesichts dieses brutalen Krieges keine Möglichkeit für eine Fortsetzung dieser Zusammenarbeit. Es ist uns wichtig zu betonen, dass russische Künstler weiterhin bei uns auftreten werden und dass es gerade jetzt wichtig ist, nicht leichtfertig vorzuverurteilen und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu stärken“, so der Intendant.

Seit Langem ist Netrebkos vermeintliche „Nähe“ zu Wladimir Putin für die westlichen Medien wie rotes Tuch. Nach Beginn der russischen Militärinvasion in der Ukraine am 24. Februar war gegen den Mega-Star eine regelrechte Kampagne in den Medien gestartet worden, die auch jetzt, nach einer Reihe von „Distanzierungen“, nur wenig nachließ. Die Worte Netrebkos werden immer noch auf die Goldwaage gelegt, ob sie sich auch genug von „Putins Krieg“ distanziert habe oder nicht.

Zum Glück war vom diesen inquisitorisch anmutenden Polit-Geist zu Beginn der Berliner Sommerkulturtage nur noch wenig zu spüren. Das Gesprächsthema für Opernliebhaber wird auf jeden Fall die Turandot-Inszenierung des Regisseurs und Bühnenbildners Stölzl bleiben. Er interpretierte das unvollendete expressionistische Werk von Puccini mit all seinen bekannten Schwächen in der Handlung durch Aufsetzung einer riesigen Marionette als zentrale Metapher völlig neu (mehr dazu im Gespräch mit dem Regisseur).

„Ich habe hier versucht, das mal ganz anders zu lesen, und zwar aus dem Surrealen, Symbolistischen der Geschichte heraus, und vor allem aus der ziemlich aberwitzigen und unheimlich kontrastreichen Partitur. (…) Ich habe versucht, das Brüchige, expressionistisch Wahnhafte des Werkes zu umarmen und zu schauen, was diese Musik für die Bühne erzählt, wenn man die Fabel in den Hintergrund stellt und guckt, was für Bilder im Kopf entstehen. Da passiert viel, weil die Komposition unheimlich theatralisch ist, nicht im Sinne von Pathos, sondern in dem Sinne, dass Puccinis Komposition Bildwelten und Vorgänge intensiv befeuert. Die Partitur hat bei ‚Turandot‘ eine höhere Wahrheit als der Plot“, sagte Stölzl.

Insgesamt ist es dem Regisseur gelungen, eine düstere und grausame Bilderwelt zu zeichnen, die zur durch Folter in den Selbstmord getriebenen Liù und Turandots blutrünstigen Wahnsinn insgesamt gut passt. Das größte Minenfeld der Hadlung – ein „völlig unglaubhaftes Happy End“ (Stölzl) – wurde dadurch allerdings nicht beseitigt. Die sich ständig verändernde, über der Szene hängende Riesenpuppe erwies sich am Ende nicht als Interpretationshilfe, sondern eher als ablenkendes Element, das die „schmerzvolle Zwielichtigkeit“ der Musik noch verworrener macht.

Turandot wird in dieser Saison noch siebenmal gespielt – am 22., 25. und 29. Juni sowie am 1., 3., 8. und 10. Juli. 

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