Ex-ifo-Chef Sinn: Müssen "deutsche Energiepolitik grundlegend überdenken“

Der langjährige Präsident des Münchner ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, hat vor unrealistischen Erwartungen an die von der Bundesregierung forcierte Energiewende gewarnt. Die bisherige Umweltpolitik sei gescheitert, schreibt er in einem Gastbeitrag für das Springerblatt Bild. Der Staat würde die Nutzung der Grünen Energie dadurch erzwingen, dass er konventionelle Energien verbiete oder künstlich verteuere:

„Das befeuert die Inflation und senkt den materiellen Lebensstandard. Schon heute hat Deutschland wegen des hohen Anteils der erneuerbaren Energien neben Dänemark die höchsten Stromkosten der Welt.“

Schon zu Beginn hatte die vorschnelle Umsetzung der Energiewende für Probleme gesorgt. Die aktuelle Ukraine-Krise hat diese noch einmal verschärft. Mit dem Öl-Embargo gegen Russland, bei gleichzeitiger Abkehr von konventionellen Energieträgern wie Atomkraft oder Kohle, versucht Deutschland nun, die erneuerbaren Energien weiter auszubauen. Nebenbei muss jedoch eine parallele, konventionelle Infrastruktur aufrechterhalten bleiben. Denn nur so kann Deutschland in Zeiten einer sogenannten „Dunkelflaute“ – Zeiten, in denen weder die Sonne scheint, noch Wind weht – die Energieversorgung aufrechterhalten.

Darüber hinaus bezweifelt der Wirtschaftswissenschaftler den Umweltnutzen der deutschen Umweltpolitik:

„Ob der Umweltnutzen überhaupt kommt, ist mehr als fraglich, wenn Europa allein handelt, wie es das mit seiner rabiaten Politik zur Zurückdrängung der Verbrennungsmotoren tut. Damit das hierzulande nicht mehr verbrannte Erdöl zu einer Entlastung der Atmosphäre führt, müsste es Europa auf seinem Territorium lagern und versiegeln – ein absurder und teurer Gedanke.“

Die dadurch eingesparten Mengen an Öl gebe Europa stattdessen jedoch für die Weltmärkte frei:

„Die Tanker liefern sie nun eben nach China und andere Länder, die sich nicht zur CO2-Einsparung verpflichtet haben. Wie sich empirisch zeigen lässt, gelangt dort ziemlich genau so viel mehr an CO2 in die Luft, wie wir einsparen.“

Dennoch zerstöre man mutwillig die deutsche Autoindustrie, resümierte Sinn. Dabei ist der CO2-Verbrauch pro Kopf in Deutschland so niedrig wie in kaum einem anderen Land.

„Wir ruinieren die deutsche Autoindustrie, fördern unsere fernöstlichen Konkurrenten und helfen der Umwelt nicht einmal ein bisschen.“

Deshalb müsse es laut Sinn auch eine Kehrtwende der Bundesregierung bei ihrer Energiepolitik geben. Der ehemalige ifo-Chef erklärte:

„Richtig ist, dass langfristig grüner Wasserstoff während der Dunkelflauten für die Stromproduktion eingesetzt werden kann. Aber auch der lässt sich nicht gut aus Wind- und Solarstrom herstellen, weil der zu flatterhaft ist.“

Der Wasserstoff werde stattdessen aus den vielen neuen Atomkraftwerken kommen, die Frankreich gerade zu bauen beschlossen hat und die von der EU als „grün“ bezeichnet werden:

„Da ist es dann doch wohl besser, die Reißleine zu ziehen und die deutsche Energiepolitik grundlegend zu überdenken. Noch stehen die letzten Atomkraftwerke.“

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