Haiti als Paradigma von Armut und Gewalt — RT DE

von Luis Gonzalo Segura

Haiti ist das Paradigma der Folgen europäischer und US-amerikanischer Plünderungen und der daraus resultierenden Verantwortungslosigkeit der Kolonialmächte, unter denen mehr oder weniger ganz Lateinamerika – und der größte Teil des Planeten – gelitten hat. Eine Plünderung mithilfe von Eroberungen, Kolonialisierungen und zahlreichen internationalen, militärischen und wirtschaftlichen Interventionen, die das kleine karibische Land in eine Unterwelt der Armut, Ungleichheit und Gewalt verwandelt haben. Haiti ist ein Land des Todes, ein Land des bösen Todes. Und ein Pech: die Nachbarschaft der Vereinigten Staaten. Eine Macht, die 1994 behauptete, die Demokratie zu verteidigen, als sie 15.000 Soldaten entsandte, um die Ordnung auf der Insel wiederherzustellen. Und die drei Jahrzehnte später, im Jahr 2021, 15.000 Haitianer an der US-Grenze zu Pferd verfolgte und verprügelte. Nur wenige Episoden sind so widersprüchlich und gleichzeitig so aufschlussreich.

Der gefährlichste Ort der Welt

Obwohl es unmöglich erscheinen mag, gibt es im düsteren Haiti einen noch dunkleren und unheimlicheren Ort, der paradoxerweise die „Stadt der Sonne“, Cité Soleil, genannt wird. Nicht mehr und nicht weniger als das ärmste Viertel im ärmsten Land Amerikas. Und angesichts der engen Beziehung zwischen Armut und Gewalt vielleicht der gewalttätigste Ort der Welt. Im Jahr 2004 nannte die UNO ihn sogar den „gefährlichsten Ort der Welt“. In diesem Jahr gab es nach Angaben eines Universitätsinstituts in Heidelberg mehr als zweihundert Konflikte auf dem Planeten, darunter drei Länder im Kriegszustand – Irak, Sudan und Kongo – und viele andere, die sich in echte Todesschluchten verwandelten – Afghanistan, Somalia, Äthiopien … Keine dieser Höllen kam laut der UNO an die Gewalt der heruntergekommenen Elendsviertel aus schmutzigen Wellblechhütten heran, die sich nördlich von der Hauptstadt Port-au-Prince zwischen dem Flughafen und der Bucht befinden.

Nach Angaben der Vereinten Nationen forderte ein Bandenkrieg zwischen dem diesjährigen 8. und 12. Juli mindestens 234 Tote. Zusammen mit den sowohl in Cité Soleil als auch im Rest des kleinen Landes üblichen Gewaltausbrüchen gab es in diesem Jahr bisher mindestens 934 Morde, 684 Verletzte und 680 Entführungen.

Im Kontext: Das sind viermal mehr als alle Morde, die in Spanien in den letzten drei Jahrzehnten verübt wurden. Hinzu kommt eine Zerstörung und ein selten gesehener Terror: Häuser wurden niedergebrannt und Tausende von Menschen ohne Wasser oder Nahrung eingesperrt. Zudem sind die Polizeikräfte nicht in der Lage, auch nur einen Fuß in die Elendsviertel zu setzen.

Um sich ein Bild von der dantesken Situation zu machen: Die „Stadt der Sonne“ wäre mit mehr als 12.000 Einwohnern je Quadratkilometer die zweitdichteste in Europa, nur hinter der Stadt des Lichts, Paris, mit mehr als 20.000 Einwohnern je Quadratkilometer. Nur dass es im Zentrum von Paris viele Hochhäuser gibt und in der Cité Soleil kaum Gebäude mit mehr als einem Stockwerk. Stellen Sie sich das Ausmaß der Überfüllung vor.

Am Anfang stand die Ausplünderung durch Frankreich

Die Situation in Cité Soleil und in Haiti ist so katastrophal, dass in Wirklichkeit niemand die Zahl der Lebenden oder der Toten genau kennt. Es ist, als wären sie Geister. Ein Zustand, der von der afrikanischen Herkunft der meisten Haitianer beeinflusst ist und dessen Wurzeln in der jahrhundertelangen Entrechtung durch Frankreich und die Vereinigten Staaten liegen.

Denn die Ausbeutung der Haitianer ist nicht nur eine westliche Praxis der historischen Vergangenheit, sondern Teil der Gegenwart: Der US-Außenminister Robert Lansing stellte 1914 in Bezug auf Haiti fest, dass „der afrikanischen Rasse jegliche Fähigkeit zur politischen Organisation fehlt“, während Colin Powell 1994 behauptete, dass

„Haiti ein würdeloses und elendes Land ist, das nur von der Armee regiert werden kann“ („The Clinton Tapes“/Taylor Branch).

Wenn wir jedoch die Geschichte Haitis Revue passieren lassen, stellen wir fest, dass seine Unabhängigkeit 1804 – übrigens die erste eines lateinamerikanischen Landes – tatsächlich eine echte humanitäre und wirtschaftliche Katastrophe war.

Humanitär, weil der Kampf um die Unabhängigkeit in der französischen Kolonie des 18. Jahrhunderts extrem blutig verlief. Haiti wurde damals von einer halben Million Menschen bewohnt, die meisten von ihnen afrikanische Sklaven. Sie arbeiteten unter menschenunwürdigen Bedingungen, damit ein paar Zehntausende von Franzosen ein Leben führen konnten, das im krassen Gegensatz zu den Schriften von Voltaire, Rousseau oder Montesquieu stand.

Nach so vielen Peitschenhieben und so vielen Misshandlungen war die Haitianische Revolution in den 1790er Jahren so blutig, dass jeder vierte Haitianer starb. Der Verlust von 125.000 Menschen – 100.000 Schwarze und 25.000 Weiße – bei einer Bevölkerung von 500.000 war ein fast tödlicher demografischer Schlag für Generationen. Damit Sie eine Vorstellung von der Katastrophe bekommen: Es starben zwanzigmal mehr Menschen als im Spanischen Bürgerkrieg zwischen 1936 und 1939.

Die volkswirtschaftlichen Kosten waren nicht gering. Es ist nicht schwer, sich das Szenario von Haiti im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts vorzustellen: ein verwüstetes Land, das versucht, sich von Jahrhunderten französischer Unterdrückung zu erholen. In diesem Zusammenhang und im Bewusstsein seiner militärischen Überlegenheit schickte Frankreich 1825 ein Kriegsschiff, um Reparationen für die verlorenen Plantagen und den Verlust an Sklaven zu fordern. Haiti musste den jahrhundertelangen Plünderer Frankreichs König Karl X. mit 150 Millionen französischen Francs entschädigen. Da das Land diese Forderungen nicht bezahlen konnte, hat Frankreich es gezwungen, bei französischen Banken um Kredite (unter horrenden Zinsen) zu bitten. „Doppelte Verschuldung“ nannten sie das. Haiti zahlte 122 Jahre lang (bis 1947). Schätzungen zufolge hätte das Land um mehr als 100.000 Millionen Dollar wachsen können, wenn diese unerschwingliche und unanständige Zahlung nicht gewesen wäre, die einen Großteil des Staatshaushaltes verschlang.

Die Liberté, Égalité und Fraternité endeten hier nicht. Nach zermürbenden Zahlungen über hundert Jahre lang waren die Franzosen der Ansicht, dass dies immer noch nicht genug sei. Aus diesem Grund gründeten sie die National Bank of Haiti, die eigentlich eine Filiale einer Pariser Bank war, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Millionen abzuzweigen und das Land so weit wie möglich zu verschulden. Beispielsweise behielten sie 1875 von einem Darlehen 40 Prozent zurück. Eine wahrlich brüderliche Kommission, um es irgendwie zu nennen.

Auch die Vereinigten Staaten plünderten Haiti

Der Beginn des 20. Jahrhunderts führte zum Verlust der Hegemonie Europas, insbesondere Frankreichs und des Vereinigten Königreichs, die zudem 1914 einen schrecklichen Weltkrieg begannen. In dieser Situation schien Haiti endlich Glück gehabt zu haben, wenn auch durch die makabre Zerstörung Europas. Doch nichts war weiter von der Realität entfernt. Eine aufstrebende Macht löste die französische Ausraubung ab: die Vereinigten Staaten von Amerika. Die junge amerikanische Nation, durchdrungen von den tiefsten europäischen Werten wie Freiheit – der Freiheit zu rauben – machte sich an die Arbeit. Aber in ihrem Stil.

Der „American way“, expliziter und weniger raffiniert als der französische Weg, fand es unbequem, Zeit mit Banktricks zu verschwenden, um Haiti auszubluten. Also marschierten sie unter dem Beifall der Wall Street 1915 in Haiti ein, um das Land von „Anarchie, Wildheit und Unterdrückung zu befreien“, laut der Parole der militärischen Invasion. Als erster Schritt der Eroberung drangen sie in die Nationalbank von Haiti ein und nahmen sich alles bis zum letzten Goldbarren – insgesamt 500.000 Dollar in Gold – und deponierten es in einem Gewölbe in der Wall Street. Ein kleiner Schritt in Richtung der „Monroe-Doktrin“. Später kaufte die National City Bank 1920 die National Bank of Haiti für 1,4 Millionen. Die Haitian American Sugar Company zahlte 20 Cent pro Tag für die Arbeit in den Zuckerrohrfeldern, neunmal weniger als in Kuba. Und Kuba war auch nicht gerade der amerikanische Traum …

Der Fall von Aristide, nachdem er Reparationen von Frankreich gefordert hatte

Nach dem brutalen Berauben und Ausbeuten der haitianischen Bevölkerung behielten die Vereinigten Staaten weiterhin de facto die amerikanische Kontrolle über das Land, selbst nachdem ihr Militär die Westküste von Hispaniola verlassen hatte. Und wie in den meisten amerikanischen Ländern gab es auch in Haiti nur solche Diktatoren oder Präsidenten, die sich auf den Segen der USA stützen konnten. So die grausame Diktatur der Familie Duvalier (1907–1986).

Und wenn einer aus seiner Rolle im Drehbuch fiel, wurde er eliminiert. Dies ist der Fall von Jean-Bertrand Aristide, der 2003 die Idee hatte zu erklären, was in der zweihundertjährigen Geschichte seines Landes geschehen war, und Frankreich um Wiedergutmachung zu bitten. Eine nicht zu tolerierende Bitte, wenn man bedenkt, was sie für Frankreich mit seiner Kolonialgeschichte bedeuten würde. Aristide wurde zu einem ungewöhnlichen Fall, da er nicht nur 2004 von den Vereinigten Staaten – und Frankreich – abgesetzt wurde, sondern bereits ein Jahrzehnt zuvor, 1994, nach dem Staatsstreich von 1991 erneut im Amt war.

Der Mord an Jovenel Moïse – „made in“ den Vereinigten Staaten und Kolumbien

Da weder die Vereinigten Staaten noch der Westen moralische Grenzen kennen, wurde der Präsident des Landes Jovenel Moïse gerade vor einem Jahr, am 7. Juli, im Präsidentenwohnsitz ermordet. Nicht mehr und nicht weniger als durch ein Kommando aus kolumbianischen Elite-Soldaten, die zufällig in den Vereinigten Staaten organisiert wurden. Zufall natürlich.

Aus all dem und weil Haiti von der Natur so hart geschlagen wurde wie von Nordamerikanern und Europäern, nehmen sich die „G9“ und „GPEP“-Banden in den Straßen der Cité Soleil heute unter Beschuss – denn es geht um die Kontrolle über das Territorium der Cité Soleil. Ein offener Kampf, nur einer von vielen Kämpfen, die stattgefunden haben und noch stattfinden werden. Denn die Gewalt in Haiti hat mit der systemischen Korruption des Landes zu tun, einer Korruption, die auch wenig mit der afrikanischen Rasse oder dem karibischen Klima zu tun hat, wie allzu viele gerne glauben möchten. Sondern vielmehr mit der Ausplünderung durch westliche Mächte und dem Scheitern der Internationalen Organisationen.

Ein weiteres Versagen der UNO

Denn Haiti ist auch das Paradigma des Scheiterns internationaler Missionen und der Unfähigkeit der UNO. Eine Unfähigkeit, die vor allem den Interessen der drei Großmächte Rechnung trägt, die den größten Einfluss auf Haiti haben – die Vereinigten Staaten, Kanada und Frankreich. Diese ziehen weiterhin ihre Sache durch und versuchen, das Land zu kontrollieren und die Übergangsregierung von Ariel Henry zu unterstützen, die nach dem Tod von Jovenel Moïse angetreten ist. Doch der Legitimationsverlust von Henry wird bei den Haitianern und internen Machtgruppen jeden Tag größer.

So könnte die aktuelle Situation in Haiti, die von der Unfähigkeit der UNO und den zwielichtigen Interessen der Westmächte bestimmt wird, eine neue humanitäre Krise verursachen. Sie würde die bereits bestehende Krise auf dem gesamten Kontinent verstärken. Bereits heute führte sie zu mehreren Millionen Emigranten aus Haiti. Viele von ihnen irren ohne Lösung wie Gespenster umher.

Die UNO hat lediglich darum gebeten, den Transfer von leichten Waffen in das Land zu verbieten. Das ist sehr weit von Chinas Forderung entfernt, Polizeieinheiten aus lateinamerikanischen Ländern in Haiti einzusetzen als eine erste Maßnahme, um der Gewalt ein Ende zu setzen. Darüber hinaus haben die Vereinten Nationen ein sofortiges Ende der Bandengewalt und kriminellen Aktivitäten gefordert und angekündigt, einen Bericht vorzubereiten, der am 15. Oktober vorgelegt werden soll. Diese zwei Maßnahmen sind für ein Land, in dem die Lebenserwartung nur 64 Jahre beträgt, absurd, fast extravagant. Ein Land, in dem die Gewalt in sechs Monaten tödlicher ist als COVID während der gesamten Pandemie. Hoffnung und Zeit fehlen in Haiti, dafür haben sie den Tod im Überfluss, weil es ein Land des schlimmen Todes ist.

Übersetzt aus dem Spanischen.

Luis Gonzalo Segura ist Ex-Leutnant des spanischen Heeres. Er hatte Korruption, Amtsmissbrauch und anachronistische Privilegien in den Reihen der Streitkräfte angezeigt, was zu seiner Entlassung aus dem Militärdienst führte. Er ist Autor des Essays „El libro negro del Ejército español“ (2017) sowie der Erzählungen „Un paso al frente“ (2014) und „Código rojo“ (2015).

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