Wie die ukrainische Führung ihre Soldaten opfert — RT DE

5 Aug. 2022 15:50 Uhr

von Dagmar Henn

Vorab: Die Kriegsführung der Ukraine, unter dem Befehl der NATO, ist in ihrer Gänze ein ungeheuerliches Verbrechen. Denn den Interessen der ukrainischen Bevölkerung wäre mit einer friedlichen Regelung gedient gewesen; es war das Interesse des Westens, Russland zu einem militärischen Eingreifen zu zwingen. Die Ziele wurden offen benannt (in Deutschland von der NATO-Propagandistin Florence Gaub) – Russland zu schwächen. Einzig für dieses Ziel werden Hunderttausende Ukrainer in die Schützengräben getrieben, von Schrapnellen zerrissen, werden Städte mit Granaten beschossen, die Infrastruktur zerstört. Jeder vergossene Tropfen Blut, auch der ukrainischen Seite, ist Schuld und Verantwortung dieser Kriegstreiber.

In Deutschland, wie im gesamten Westen, wird das wirkliche Geschehen nicht gezeigt. Nur jene wenigen Toten, die propagandistisch verwertbar sind, aus denen sich ein neuer Schub Anklagen gegen das vermeintlich schuldige Russland zimmern lässt, werden gezeigt. Zehntausende, die inzwischen ihr Leben lassen mussten oder für den Rest ihres Daseins verstümmelt wurden, bleiben unsichtbar. Und die Frage, welchen Sinn ihr Tod hat, wird genauso wenig gestellt wie die, in wessen Interesse dieser Krieg geführt wird.

In den letzten Tagen lag der Schwerpunkt der Kämpfe im Donbass bei den befestigten Stellungen der ukrainischen Armee vor Donezk. Diese Stellungen wurden acht Jahre lang aufgebaut; es sind keine schlichten Schützengräben mit Erdwällen, sondern betonierte Bunkeranlagen mit kilometerlangen Tunneln, die vor allem die Positionen schützen sollten, aus denen die Stadt Donezk all die Jahre über unter Feuer genommen wurde. So gut wie alle Beobachter gingen davon aus, dass diese Stellungen erst gegen Ende der gesamten Kämpfe um den Donbass angegangen würden, wenn sie von hinten attackiert werden könnten.

Was in letzter Zeit passiert ist (im Kanal Military Summary findet man täglich eine ganz gute und vorsichtig formulierte Zusammenfassung), ist tatsächlich ein frontaler Angriff auf diese Positionen, und er war erfolgreich. Die Befestigung ist an mehreren Stellen durchbrochen, was den Rest jetzt von hinten angreifbar macht, und der Ort Peski, der immer wieder in Berichten über den Beschuss von Donezk auftauchte, ist inzwischen unter alliierter Kontrolle.

Wie es dazu kam, ermöglicht einen tieferen Einblick in die Mechanismen der ukrainischen Kriegsführung. Auslöser war die vermeintlich geplante ukrainische Gegenoffensive im Gebiet Cherson; dafür wurden große Teile der Artillerie von dieser Linie abgezogen und in den Süden verlagert. Alexander Mercouris geht davon aus, dass diese Gegenoffensive vor allem aus London verlangt worden sei, um einen medienwirksamen ukrainischen Erfolg vorweisen zu können; inzwischen ist es um diese Offensive sehr ruhig geworden.

Der ukrainische Generalstab war, das berichten unter anderem Mercouris und Military Summary, mit dieser Entscheidung nicht glücklich und es soll zu heftigen Auseinandersetzungen mit Präsident Selenskij gekommen sein. Ähnliche Auseinandersetzungen waren bereits berichtet worden, als Lissitschansk kurz davor stand, eingekreist zu werden, und der Generalstab die Truppen zurückziehen wollte. Sie folgen im Grunde immer dem gleichen Schema – Selenskij entscheidet nicht nach militärischen Erfordernissen, sondern danach, was beim westlichen Publikum die meisten Sympathien auslösen kann. Da sind vermeintliche Helden, die bis zum Letzten für die Ukraine kämpfen, nützlicher als Truppen, die rechtzeitig zurückgezogen werden.

Man sollte übrigens sehr genau darauf achten, welche Art Heldentum das ist, das auch in den deutschen Medien glorifiziert wird. Wer einen Blick in Victor Klemperers Lingua Tertii Imperii wirft, wird dort viele Passagen finden, die sich damit befassen.

Und nun zu einem Text, der auf der ukrainischen Seite Zensor.net vor einigen Tagen veröffentlicht wurde. Er stammt von einem ukrainischen Soldaten, Sergei Gnesdilow, und trägt die Überschrift „Peski. Fleischwolf“. Ich denke, es ist angemessen, auch einmal die Stimme jener zu hören, die der Westen zur Schlachtbank treibt.

„Was ist zu verlieren, was kann mir noch genommen werden, am sechsten Tag meiner persönlichen Hölle, in Peski, einen Kilometer von der ersten Straße von Donezk, Ukraine, entfernt? Die Körper jener, die mir lieber waren als meine Familie, liegen in der Hitze in den Gräben, zerbrochen von Kaliber 152. Wie ich zuvor schon schrieb, 6.500 Granaten für jedes verdammte Dorf in weniger als einem Tag.

Es waren schon sechs solcher Tage, und ich kann mir nicht vorstellen, wie auch nur eine kleine Zahl unserer Infanterie in diesem Hagel feindlichen Feuers überlebt hat.

Nein, ich jammere nicht.

Auf unserer Seite arbeiten zwei Mörser, Kaliber 82 und 120.

Manchmal wachen sie auf und „schneuzen“ zwei Ladungen in Richtung Donezk.

Wir erwidern kaum. Es gibt kein Anti-Artillerie-Feuer; sobald das Feuerkommando erteilt wird, schickt der Gegner ohne jedes Problem Granaten in unsere Gräben, zerlegt sehr starke, betonierte Stellungen in ein paar Dutzend Minuten, und drückt ohne Pause oder minimale Unterbrechung gegen unsere Verteidigungslinie.

Vorgestern ist die Linie gebrochen, und eine Flut von Toten und Verwundeten ergoss sich. Ich werde keine Statistiken veröffentlichen, das ist in unserem Land verboten, aber ihr habt keine Vorstellung von der Zahl und dem Anteil der Verluste.

Das ist eine Hölle von einem Fleischwolf, in dem das Bataillon den Ansturm schlicht mit den Körpern auffängt.

Seit fast einer Woche warten wir auf wenigstens etwas Hilfe, die die feindliche Artillerie treffen könnte, wir, ich wiederhole es, werden straflos mit allem beschossen, was das russische Militärsystem reichlich besitzt; heute arbeitete ihre Luftwaffe.

Ich bin stolz auf das Kommando des Bataillons, das hier bei uns blieb. Der Bataillonskommandeur ist hier bei uns, alle sind bei uns, mit Gehirnerschütterung, leicht verletzt, bandagiert, und nach ein paar Stunden wieder in der Stellung, wenn man diese bodenlosen Abgründe so nennen will.

Da ist Krieg.

Aber ohne Gegenartillerie wird er zu einem sinnlosen Fleischwolf, in dem jeden Tag eine irrwitzige Menge unserer Infanterie zermahlen wird.

Wollt ihr wirklich die Wahrheit? Hier ist sie, die nackte Wahrheit.

Die Reserve geht in die Stellung, schließt den Durchbruch, und nach fünf Minuten ist nur noch einer von 15 Leuten unversehrt.“

Der Brief ist noch länger. Es gibt englische Versionen zum Nachlesen (übrigens, die Seite Moon of Alabama wird von einem ehemaligen NVA-Offizier betrieben). Ich denke aber, schon dieses Stück zeigt die Hilflosigkeit und Verzweiflung. Es gibt aber noch einen Nachsatz zu diesem Schreiben. Es findet sich in der Mitteilung des russischen Verteidigungsministeriums vom 2. August.

„Das 21. Bataillon der 56. motorisierten Infanteriebrigade, das bei Peski bedeutende Verluste erlitten hatte, kam bei seinem Rückzug nach Wodjanoje unter Artilleriebeschuss durch die ukrainische Armee und wurde fast völlig ausgelöscht.“

Eine Verwechslung? Die in der ukrainischen Armee nicht unübliche „Bestrafung“ für ein unerlaubtes Verlassen der Positionen? Oder womöglich sogar eine Reaktion auf diesen Brief, dessen Inhalt nicht erwünscht sein dürfte? Es ist bisher nicht bekannt, ob Sergei Gnesdilow auch das freundliche Feuer überlebt hat.

Bernhard vom Moon of Alabama liefert im Text zu diesen Vorfällen auch noch einen Vergleich zu den Verlustzahlen, die die Mitteilung des russischen Verteidigungsministeriums an diesem zweiten August nannte: „Selbst wenn nur halb so viele wie die genannten 900 Verwundeten oder Toten des Vortages stimmen, sind die Verluste immer noch verheerend. 1967, auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs, betrugen die Verluste der USA, Verwundete oder Tote, maximal 200 am Tag. Auf ukrainischer Seite sehen wir jeden einzelnen Tag ein Vielfaches davon.“

In Schützengräben vor Donezk, die längst geräumt wären, hätte der Westen sich nur die geringste Mühe gegeben, die Minsker Vereinbarungen umzusetzen. In Verteidigung eines nutzlosen, weil gegen den Willen der dortigen Bevölkerung erhobenen Gebietsanspruchs, ohne Deckung durch eine Artillerie, die, soweit sie nicht für den Terror gegen die Bevölkerung der anderen Seite genutzt wird, für die PR-Inszenierung einer Offensive abgezogen wurde; in Stücke gerissen, verblutend und am Ende noch von der eigenen Seite abgeschlachtet.

Nicht dass wir uns missverstehen – diese 6.500 Granaten auf Peski sind, nach dem Ende der Minsker Vereinbarungen, der einzige Weg, um den Terror gegen den Donbass zu beenden. Mit jedem Meter, der unter die Kontrolle der alliierten Truppen kommt, wird Donezk ein Stück sicherer. Und die letzten Tage haben deutlich genug gezeigt, wie wichtig das ist. Aber das ändert nichts an dem tragischen Schicksal von Soldaten wie Sergei Gnesdilow, an dem Leid und dem realen Verlust, der bleiben wird, selbst wenn es eine ukrainische Gesellschaft gibt, die nicht mehr nur als Marionette des Westens existiert.

Selenskij-Sprecher Arestowitsch hat gerade erst wieder erklärt, die Ukraine werde erst verhandeln, wenn Russland besiegt sei. Das übersetzt sich, wenn man die Lage betrachtet, mit „nie“. Es gibt nach wie vor im Westen keine Stimmen, die verlangen, Selenskij möge zur Vernunft kommen. Es gibt kein Erbarmen mit den Männern, die sinnlos verheizt werden. Aber es gibt Anzeichen, dass der Westen, allen voran die USA, die Begründung vorbereiten, um Selenskij fallen zu lassen.

Den Bericht von Amnesty International beispielsweise; Amnesty war all die letzten Jahre folgsamer Teil der US-Propagandamaschine, und wenn diese Organisation bestätigt, dass ukrainische Truppen die Zivilbevölkerung als Deckung missbrauchen, dann steht das für einen Richtungswechsel. Ein Richtungswechsel, der nicht darin besteht, Kiew zur vernünftigen Entscheidung zu drängen, zu verhandeln, sondern der darin bestehen wird, die Schnüre dieser Marionette einfach durchzuschneiden.

Das passiert jenen, die mutig für die falsche Sache kämpfen. Am Ende werden sie von der eigenen Seite verraten. Weil sie nicht als Menschen gesehen werden, sondern nur als Material. So sehr dieser Punkt auch darauf hinweist, wo in diesem Konflikt die Linie zwischen Gut und Böse verläuft, so unendlich ist dennoch die Trauer, die angebracht ist, um die Opfer dieses Missbrauchs. Sergei Gnesdilow hat in einer Zeile seines Schreibens womöglich sein eigenes Epitaph geschrieben.

„Läutet die zerbrochenen Glocken, während wir Peski mit unseren Leibern bedecken.“

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