Im Schatten des Ukraine-Konflikts: Entflammt der nächste Krieg?

Von Seyed Alireza Mousavi

Im Schatten des Ukraine-Kriegs brachen zwischen Armenien und Aserbaidschan im Südkaukasus erneut schwere Gefechte aus, so dass bereits wieder mehr als 100 Tote auf beiden Seiten zu beklagen sind. Am Dienstag hatte das armenische Militär über den Beschuss vonseiten Aserbaidschans und eine groß angelegte Provokation berichtet. Truppen des Nachbarlandes hätten versucht, auf armenisches Gebiet vorzudringen. Genannt wurden dabei Städte und Orte wie Wardenis, Dschermuk, Goris, Kapan und die Goldmine von Sotk. Die jüngsten Gefechte haben allerdings eine neue Stufe der Eskalation erreicht, da es diesmal nicht um die De-facto-Republik Bergkarabach ging. Die aserbaidschanischen Ziele befanden sich auf armenischem Gebiet, unter anderem in Grenznähe zu Bergkarabach.

Aserbaidschan wiederum gab Armenien die Schuld an der Eskalation. Laut dem aserbaidschanischen Verteidigungsministerium habe ein großangelegter armenischer „Sabotageversuch“ die Kämpfe ausgelöst. Die Türkei, als Verbündeter Aserbaidschans, warf ebenfalls Armenien „Provokationen“ vor. 

Russland, die USA und die EU zeigten sich besorgt und forderten eine sofortige Einstellung der Kampfhandlungen. Das etwa stärker mit Armenien verbündete Russland erklärte gestern, man habe eine Feuerpause vermittelt. Armeniens Ministerpräsident Nikol Paschinjan sagte aber, die Kämpfe würden zwar mittlerweile weniger intensiv ausgefochten, hielten aber in einigen Gegenden noch an.

Russland ist Armeniens Schutzmacht im Verteidigungsbündnis OVKS, das aus früheren Sowjetrepubliken besteht, aber pflegt zugleich gute Beziehungen zu dem anderen postsowjetischen Staat Aserbaidschan. Der armenische Ministerpräsident Paschinjan telefonierte sowohl mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und vereinbarte mit ihm, im Kontakt zu bleiben, als auch mit dem EU-Ratspräsidenten Charles Michel. Er sprach von einem aserbaidschanischen Angriff, auf den es eine internationale Reaktion geben müsse, und appellierte im gleichen Sinne an den französischen Präsidenten Emmanuel Macron.

Aserbaidschans Präsident Ilcham Alijew will offenbar ausnutzen, dass Armenien heute in einer noch schwächeren Position ist als zum Zeitpunkt seiner krachenden Niederlage im Krieg um Bergkarabach im Herbst 2020.

Vor eineinhalb Monaten waren bei Gefechten im sogenannten Latschin-Korridor auf beiden Seiten mindestens drei Soldaten getötet worden. In Bergkarabach und entlang des Latschin-Korridors zwischen Armenien und Bergkarabach wurden russische Friedenstruppen stationiert. Aserbaidschan zielt offenbar drauf ab, neue Transportwege durch südarmenisches Gebiet zwischen Aserbai­dschan und dessen Exklave Nachitschewan zu errichten. Dieses Gebiet grenzt an Iran. Es besteht insofern der Verdacht, dass auch die Türkei auf Kosten der armenischen Souveränität versucht, die Enklave Nachitschewan mit Aserbaidschan zu verbinden, und zwar über den Sangesur-Transportkorridor. Iran hat mehrfach vor „Grenzveränderungen“ im Kaukasus gewarnt. Die Türkei wolle nach der iranischen Darstellung mit diesem provokanten Schritt faktisch die Grenznachbarschaft zwischen Iran und Armenien für immer beenden sowie den Initiatoren des Nord-Süd-Korridors Steine in den Weg legen. 

Russland ist als Schutzmacht Armeniens derzeit durch die Kämpfe in der Ukraine etwas abgelenkt. Vom Westen, wo zwar Armenien dank seiner Diaspora eine starke Stimme hat, kann das Land dennoch derzeit ebenfalls wenig Unterstützung erwarten. Denn die EU-Staaten wollen in ihrem Bestreben, sich vom russischen Gas unabhängig zu machen, lieber mit Aserbaidschan ins Geschäft kommen. Russland und die Mitgliedstaaten des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) sind allerdings für den Fall eines Angriffs auf Armenien zu Beistand verpflichtet. Der Rat der OVKS beschloss am Dienstag eine vom ihrem Generalsekretär geleitete Mission nach Armenien zu entsenden, um die Situation aufgrund der Eskalation an der Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan zu bewerten.

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