Russland verzeichnet drei Monate in Folge eine Deflation — RT DE

21 Sep. 2022 06:15 Uhr

Von Elem Raznochintsky

Seit Beginn der militärischen Sonderoperation Russlands in der Ukraine im Februar 2022 hat sich die Inflationsrate für Moskau sichtlich erhöht. Der Durchschnittswert im Januar betrug noch 8,73 Prozent und stieg im Folgemonat auf 9,2 Prozent, bevor im März sogar ein abrupter Sprung auf 16,7 Prozent gemessen wurde. Von Februar auf März wuchs die Inflationsrate Russlands also um 81,5 Prozent. Im selben Monat zeigte der russische Rubel seinen bisherigen Tiefpunkt im weltweiten Devisenhandel, indem die Währung auf 142 Einheiten pro US-Dollar hinunterfiel. Seitdem erfuhr der Rubel aber eine derart verblüffende Revitalisierung, dass der heutige Kurs sich auf plus minus 60 Währungseinheiten pro US-Dollar stabilisiert hat.

Bei der anfänglichen Explosion der Inflationsrate handelte es sich zweifellos um den Schock der ersten Welle von westlichen Sanktionen gegen Moskau, die diese Wirtschaftswerte erzwingen konnte. Das Abschneiden Russlands von vielen internationalen Märkten, das sich anfangs als eine vermeintlich kluge Einbahnstraße ankündigte, brachte schnell die ökonomischen Tatsachen hervor. Nämlich, dass nicht nur blockierte Handelsrouten umgangen werden konnten, sondern Russland als abgewiesener Wirtschaftspartner durchaus auch dem eigenen Land erheblichen Schaden zufügen würde.

Die Symptome wirtschaftlicher Beschneidung zeigten in Sachen Inflation bereits ab April einen Rückwärtstrend für Moskau. Denn es war im April, dass der Höchstwert der Inflationsrate erreicht wurde – 17,8 Prozent. Seitdem gab es einen graduellen Abstieg, der mittlerweile als Deflation verifiziert werden kann und sich über zwei Quartale erstreckt: im Mai 17,1 Prozent, im Juni 15,9 Prozent, im Juli 15,1 Prozent und im August bereits 14,3 Prozent.

Konkret für die Nahrungsmittelpreise besteht eine Deflation in Russland von nunmehr drei aufeinanderfolgenden Monaten, wie das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung der Russischen Föderation kürzlich in einem Bericht dokumentierte. Demnach ist der durchschnittliche Nahrungspreis im Juni um 0,35 Prozent, im Juli um weitere 0,39 Prozent und im August schon um 0,52 Prozent gesunken.

Währenddessen in der Bundesrepublik

In Deutschland ist für den gleichen Zeitraum eine etwas andere Dramaturgie der Statistik zu erkennen: Obwohl der Monat März ähnlich einschneidend für die Bundesrepublik figuriert (nämlich ein Sprung von über 43 Prozent im Vergleich zum Vormonat), ist die Inflationsrate hier von einem konsequenten Aufwärtstrend belastet, mit den Monaten Mai und August den historischen Höchstwert tragend: 7,9 Prozent. Ein Wert, den es seit der deutschen Wiedervereinigung nicht gegeben hat.

Kürzlich hat sich auch der deutsche Finanzminister Christian Lindner (FDP) zum hiesigen Inflationsproblem beim RedaktionsNetzwerk Deutschland geäußert:

„Meine Hauptsorge ist, dass sich die Inflation aus ihrer Verankerung lösen könnte, dass sie dauerhaft galoppiert und man sie nicht unter Kontrolle bekommt.“

Des Weiteren sei der deutsche Wohlstand in jedem Fall einer kommenden Schrumpfung ausgeliefert, so Lindner weiter. Wenn also der vom Fach her hauptverantwortliche Regierungsvertreter in Berlin die wirtschaftlichen Perspektiven auf diese Art und Weise in Worte fasst, gilt es sich zu wappnen.

Die hierfür von der Ampel-Koalition geplanten „Entlastungspakete“ basieren jedoch auf höherer Steuerlast und einer erneuten Erhöhung der Geldmenge, wodurch ein unvoreingenommener Beobachter das grausame Ende von vornherein erblicken kann.

Deflation – unerhört

Im Grunde genommen ist Deflation eine „negative“ Inflation und wird deshalb mit derselben Formel errechnet wie ihr zurzeit viel zitiertes Gegenüber, die Inflation. Der sogenannte Verbraucherpreisindex minus 100 Prozent. Der Verbraucherpreisindex (VPI) spiegelt die Veränderung der Kosten für eine Reihe bestimmter Waren und Dienstleistungen wider – zum Beispiel Nahrungs- und Lebensmittel. Liegt der resultierende Wert über 0 Prozent, bedeutet dies Inflation, liegt er unter 0 Prozent, liegt eine Deflation vor. Die genauen, oben genannten Werte für Russland können auch in der jüngsten Veröffentlichung seines Föderalen Dienstes für staatliche Statistik nachgelesen werden.

Eine Deflation ist in den meisten Fällen ein unmissverständlich positiver Trend für die nationale Wirtschaft. Unter gewissen Umständen kann sie aber auch mit einer Schrumpfung dieser Wirtschaft einhergehen.

Nun hängt es aber vermehrt von der politischen Weltanschauung des jeweiligen Wirtschaftsexperten ab, wie eine Inflation und Deflation in gewissen Ländern bewertet werden. Eine Deflation im Westen würde triumphierend bejubelt werden, ist aber in absehbarer Zeit nicht zu erwarten.

Im Falle Russlands müsste man etwas genauer auf die Gründe der jetzigen Deflation schauen. Im Allgemeinen sagt die Definition, dass ein Rückgang der Gesamtnachfrage, ein Anstieg der Produktivität oder aber ein Rückgang des Kreditvolumens in der Wirtschaft dazugehören. Auch wenn es höchstwahrscheinlich eine synergetische Kombination aus allen dreien ist, stellt der letzte Aspekt, nämlich der jetzige Kredithunger Russlands, die wichtigste Hausaufgabe der ökonomischen Politik Moskaus dar. Durch die westlichen Sanktionen wurden viele internationale Optionen, laufend Investitionen und Kredite ins Land zu locken, unterbunden. Hier geht es vor allem darum, sich von grundsätzlich spekulativen Staatsinvestitionen – wie sie Friedrich Merz im Falle der „Aktien-Rente“ unter hoher Bürgerverausgabung in Deutschland umzusetzen gedenkt – zu verabschieden und stattdessen Kapital in die direkte Modernisierung gegenwärtiger und Schaffung neuer Industriezweige fließen zu lassen.

Außerdem wird im russischen Inland der üblicherweise von der Zentralbank kontrollierte Leitzins zu hoch gehalten – zurzeit bei 7,5 Prozent, nachdem dieser vor wenigen Tagen, im September, von 8 Prozent gerade weiter heruntergesetzt wurde. Zwar geschah das bereits zum sechsten Mal in Folge dieses Jahr, aber um ein effektives Wirtschaftswachstum bis 2030 zu erzielen, müsste der Leitzins noch weiter runter, auf 2 bis 3 Prozent. Deshalb wird von einigen politischen Kräften Russlands, durchaus auch innerhalb der Regierung selbst, die Zentralbank als ein Organ angesehen, das sich bisher „für innere Sanktionen“ zuständig sieht. Der Prozess der Reformierung der russischen Zentralbank bedarf jedoch langfristigen Fingerspitzengefühls, das auch ein Teil des russischen Strebens nach vollwertiger Souveränität darstellt.

Schafft es Russland nicht, die gestellten Kredit- und Investitionsziele zu erreichen, stünde es langfristig düster um die eigene Wirtschaftsentwicklung. Für diese Prognose fehlen jedoch die empirisch fundierten Argumente. Zu viele Möglichkeiten – zahlreiche von ihnen bereits im vollen Gange – für eine Umorientierung nach Eurasien stehen Russland weit offen.

Die beiden eurasischen Dreh- und Angelpunkte weltfinanzieller und wirtschaftlicher Neuordnung – die BRICS-Gruppe und die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) –, in denen Russland prominent und höchst aktiv vertreten ist, sind der Schlüssel. Es handelt sich um den fruchtbaren Grund, auf dem nicht nur die zu erzielenden Prozentraten für Investitionen und Kreditvolumen durchaus erreicht werden können. Er markiert Russland darüber hinaus als einen der unentbehrlichen Urheber einer neuen multipolaren Wirtschaftsordnung. Fernab von neoliberalen Diktaten und veralteter, aggressiver, ideologisch betriebener Kartellwirtschaft aus Washington, D.C., London oder Brüssel.

Mehr zum Thema – Krieg, Preisgabe und Teilung – Russlands Wiederaufstieg im Spiegel der Geschichte

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