Die russische Teilmobilisierung: Fehlschlag oder Erfolg?

Der russische Beschluss zur Teilmobilisierung ist, wenn man westlichen Medien glaubt, ein Skandal. „Tausende Männer“ hätten fluchtartig das Land verlassen, berichtete nicht nur die Tagesschau.

Der US-Thinktank „Institute for the Study of War“ schreibt gar: „Die plumpe Herangehensweise des Kreml an die Teilmobilisierung mag zwar die interne Quote des Kreml für das zu mobilisierende Personal erfüllen, aber es ist unwahrscheinlich, dass sie effektiv Soldaten liefert, und sie erzeugt eine deutliche innere Unruhe für geringen Gewinn.“ Und führt als Beispiel an: „Die russische Oppositionsportale haben auch von einem IT-Spezialisten einer Bank berichtet, der einen Einziehungsbescheid erhielt, obwohl er nie in der Armee gedient oder einen Kurs in militärischer Ausbildung in der Universität belegt hatte.“

Allerdings musste die US-Nachrichtenagentur AP inzwischen erklären, dass ein Video, in dem angeblich Wartende am Grenzübergang nach Finnland zu sehen waren, die versuchten, der Mobilisierung zu entgehen, tatsächlich diesen Grenzübergang am 29. August zeigte und der Grenzverkehr nach Beginn der Mobilisierung nach Aussage der finnischen Grenzbehörden völlig normal sei. Dass über die höchst überschaubare Zahl an Demonstranten gegen die Mobilisierung hinaus tatsächlich „Tausende Männer“ das Land verlassen, ist bisher nur eine unbewiesene Behauptung.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass es mit Sicherheit zu bürokratischen Fehlern kommt. Selbst wenn man eine unrealistisch niedrige Fehlerquote von einem Prozent annimmt, wären das 3.000 fehlerhafte Bescheide, die unter den Bedingungen heutiger Kommunikation in Windeseile zumindest Meldungen wie jene über den IT-Experten erzeugen können. Beim Datenaustausch innerhalb der österreichischen Sozialversicherung galt beispielsweise eine Fehlerquote von zwei Prozent als sehr niedrig. Inzwischen wurden nach russischen Berichten verschiedene Möglichkeiten geschaffen, sich über fehlerhafte Bescheide zu beschweren.

Viele Journalisten und Kriegskorrespondenten haben zum Beispiel einen Rückmelde-Bot auf ihren Telegram-Kanälen eingerichtet, um genaue Informationen über die Unregelmäßigkeiten bei Einberufung, Kampfkursen und Ausrüstungsfragen zu sammeln. Es ist ein sicheres Anzeichen für die Schaffung einer aktiven Zivilgesellschaft, die die Arbeit der staatlichen Behörden durch konstruktive Kritik zu verbessern sucht. 

Unter den Regionen gibt inzwischen so etwas wie einen informellen Wettkampf um bessere Einberufungsquoten. In Tschetschenien sollen sich 20 Prozent mehr Männer bei den Einberufungsstellen gemeldet haben, als überhaupt angefordert worden seien. Es gibt viele Videos im Internet, die eine sehr entspannte Menge vor solchen Stellen zeigen. Hier ist eines davon.

Der Text unter dem Video gibt an, woher es stammt – aus dem Kusbass, dem großen sibirischen Kohlerevier. Die Sprecher kommen aus unterschiedlichen kleinen Orten im Gebiet Kemerowo. „Die Männer des Kusbass gehen ruhig zur Militärregistratur und in die Einberufungsbüros. Die meisten sind einberufen, aber es gibt auch Freiwillige. Ihre Stimmung zeigt, dass Belehrungsgespräche unnötig sind. Sie haben eine Idee davon, wohin sie gehen und warum.“ Die Aussagen aus dem Video findet ihr übersetzt darunter.

Ismail Rachimow: „Ich habe im Fernsehen gesehen, dass man Freiwillige im Militärkomitee anwirbt. Ich habe schon Militärdienst geleistet und möchte es noch mal tun. Mir gefällt der Militärdienst.“

Roman Dobrygin: „Ich habe die Einberufung erhalten. Ich habe mich niemals davor gedrückt. Wir werden die Interessen der Russischen Föderation und des Volkes des Donbass verteidigen. Ich rufe auch euch dazu auf, Kameraden.“

Michail Nikonow: „Die Mutter Heimat ruft, das heißt, wir müssen da sein. Denn wie sie gesagt haben [die Regierenden], wenn wir sie nicht zur Ruhe bringen [er dreht sich um um ein kräftigeres Wort zu finden, die Reporterin gibt ihm aber den passenden Vorschlag], dann werden sie auf uns losgehen.“

Wadim Lukjanenko: „Dort ist der Nazismus gewaltig im Aufwind. Unsere Großväter und Urgroßväter haben dagegen gekämpft. Ich habe beschlossen, das zu vernichten, weil es nicht gut ist.“

Sergei Wetrow: „Das ist jedermanns Pflicht. Den Leuten geht es schlecht, es ist eine schwere Zeit. Wenn nicht wir, wer wird dann der Beschützer sein?“

Adisei Alexejenko: „Jeder Mann muss aufstehen und sein Land verteidigen. Ich bin in diesem Land geboren und aufgewachsen, und ich halte es für notwendig, die Souveränität und Unabhängigkeit unseres Landes zu verteidigen.“

Marat Kerebajew: „Ich habe gewusst, dass ich [zur Armee] gehen werde, daran gab es keinen Zweifel. Es gibt die Erfahrung, es gibt den Wunsch, die Familie unterstützt es, und das ist eben das Wichtigste.“

Artjom Denissow: „Ich verstehe, dass jetzt über das Schicksal Russlands entschieden wird. Unsere Armee braucht Verstärkung. Ich kann nicht abseits stehen und habe freiwillig beschlossen, in die Reihen der russischen Streitkräfte einzutreten. Der Sieg wird unser sein.“

Auf zahlreichen Telegram-Kanälen verbreiten sich Videos rasant, die den würdigen Abschied der Einberufenen in verschiedenen Regionen Russlands zeigen. Als die künftige Soldaten in den Bussen verschwinden, werden sie beklatscht.

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In einem Video aus Moskau versuchen die jungen Frauen sogar, das berühmte Kriegslied „Katjuscha“ anzustimmen. Doch es hängt verständlicherweise auch etwas Trauer in der Luft.

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