DIW-Präsident fordert weitere Entlastungen für Geringverdiener – Inflation bleibt hoch

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, hat wegen der Inflation weitere Entlastungen für Geringverdiener gefordert. „Wir haben schon für viele Menschen heute eine Notsituation. Nicht, weil es eine Knappheit gibt – sondern weil die Preise explodiert sind“, sagte Fratzscher am Mittwoch im ZDF-Morgenmagazin.

„Und gerade Menschen mit geringen Einkommen müssen ja jetzt schon 150, 200 Euro mehr im Monat für Lebensmittel, für Energie – gerade für Gas auch – zahlen.“

Vor dem Hintergrund der Debatte über eine drohende Gasknappheit erklärte er:

„Wir brauchen gar nicht erst warten auf das Problem. Wir haben schon jetzt eine Krise.“

Die Politik tue noch nicht genug, um Menschen, die wirklich Hilfe benötigten, zu entlasten, kritisierte Fratzscher. Bei den bisherigen Entlastungspaketen seien „nicht wirklich die Menschen am unteren Ende gezielt entlastet“ worden. Vielmehr sei man nach  dem Gießkannenprinzip vorgegangen. „Menschen, die Hartz IV, die eine Grundrente erzielen, die haben keinen Schutzmechanismus“, warnte der DIW-Präsident.

„Die Menschen, die brauchen jetzt dringend Geld in die Tasche, denn die Situation wird nicht besser, sondern eher in den kommenden Monaten nochmal deutlich schlechter.“

Auch der Präsident des Außenhandelsverbandes BGA, Dirk Jandura, forderte Entlastungen:

„Eine Debatte über den zu hohen Steueranteil an den Energiekosten ist überfällig. Er ist nicht nur für die Bürger, sondern für die Wettbewerbsfähigkeit aller Unternehmen in Deutschland eine echte Belastung.“

Derweil verharrt die Inflation trotz des Tankrabattes und des 9-Euro-Tickets auf einem beständig hohen Niveau. Die zu Monatsbeginn eingeführten Entlastungen dämpften den Preisauftrieb im Juni nur im geringen Umfang. Die Verbraucherpreise legten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gegenüber dem Vorjahresmonat um 7,6 Prozent zu. Am Mittwoch bestätigte die Behörde damit eine erste Schätzung. Im Mai hatte die Jahresinflationsrate noch bei 7,9 Prozent gelegen, der höchste Stand seit fast 50 Jahren.

Vor allem Preissprünge bei Energie und inzwischen auch bei Lebensmitteln heizen die Inflation in Europas größter Volkswirtschaft an. Höhere Teuerungsraten schmälern die Kaufkraft von Verbrauchern, weil sich diese für einen Euro weniger leisten können. Leichtes Heizöl kostete im Juni mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor (plus 108,5 Prozent). Auch Erdgas (plus 60,7 Prozent) und Strom (plus 22,0 Prozent) verteuerten sich deutlich. Der Preisauftrieb bei Sprit schwächte sich hingegen ab. Kraftstoffe kosteten 33,2 Prozent mehr, im Mai waren es noch 41,0 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Der Preisauftrieb bei Nahrungsmitteln beschleunigte sich im Juni auf 12,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Im Mai waren die Preise noch um 11,1 Prozent und im April um 8,6 Prozent gestiegen. Besonders deutlich verteuerten sich Speisefette und Speiseöle (plus 43,1 Prozent). Zweistellige Teuerungsraten gab es auch bei Fleisch und Fleischwaren (plus 18,9 Prozent), Molkereiprodukten und Eiern (plus 15,3 Prozent) sowie Brot und Getreideerzeugnisse (plus 12,5 Prozent). Ohne Berücksichtigung von Energie und Nahrungsmitteln hätte die Jahresinflationsrate im Juni bei insgesamt 3,2 Prozent gelegen.

Ein Ende der hohen Teuerungsraten ist vorerst allerdings nicht in Sicht. Das zeigt auch ein Blick auf die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte. Diese sanken im Mai gegenüber dem Vormonat zwar leicht, im Vergleich zu Mai 2021 stiegen sie aber um 36 Prozent. In der Regel werden Steigerungen zeitversetzt an die Verbraucher weitergegeben. Inflationsraten wie auf dem derzeitigen Niveau gab es in Deutschland seit 1990 noch nie. In den alten Bundesländern waren ähnlich hohe Werte lediglich im Winter 1973/1974 zu verzeichnen. Damals stiegen die Ölpreise infolge der ersten Ölkrise stark an.

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(dpa)



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