Wolhynien und der Schlangenmensch von Warschau – Wie Polens Premier die Geschichte verbiegt

von Dagmar Henn

Manchmal gerät man sehr in Versuchung, die Wendungen der Geschichte auf vermeintliche nationale Eigenschaften zu reduzieren. Bei den Polen beispielsweise könnte man sagen, sie haben eine fatale Neigung, sich die falschen Freunde zu suchen.

Schließlich traf im Sommer 1939 die damalige polnische Regierung eine kolossale Fehlentscheidung. Sie wies das sowjetische Angebot militärischer Unterstützung zurück und verließ sich auf die Bündnisse mit Frankreich und Großbritannien, die, wie sich danach erwies, nicht das Papier wert waren, auf dem sie standen. Soweit die Vorgeschichte des Molotow-Ribbentrop-Pakts. Letzterer ist in der historischen Wahrnehmung in Polen bis heute präsent; der britische Verrat allerdings wird in der Regel verdrängt, denn Briten und US-Amerikaner sind heute wieder die engsten Verbündeten.

Hätte die Sowjetunion nicht gegen die Hitlerwehrmacht gesiegt, dann gäbe es heute nicht nur kein Russland mehr, sondern ebenfalls kein Polen, denn auch die Polen waren nach der Naziideologie „slawische Untermenschen“, die man irgendwie beseitigen wollte. Mit Ausnahme jener Polinnen, die „arisch“ genug aussahen, dass man sie als Zuchtmaterial für die SS nach Deutschland verschleppte.

Dass Polen später zum Spielplatz für die politischen Strategien des Vatikans wurde und zum Spaltkeil im Warschauer Vertrag, war untrennbar mit der Tatsache verbunden, dass die polnische Arbeiterbewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts sehr stark war, vor allem eine polnisch-jüdische Arbeiterbewegung war und damit nach der Nazibesetzung nicht mehr vorhanden. Wobei es durchaus eine lange Geschichte des polnischen Antisemitismus gibt und es, wie man in Claude Lanzmanns Dokumentarfilmreihe „Shoah“ sehen kann, auch polnische Kooperation mit den Nazis gab, so wie auf der anderen Seite polnische Truppen an der Seite der Sowjetunion kämpften.

Eine sehr komplizierte und gemischte Lage also, die noch ein wenig komplizierter wird, wenn man auf das Verhältnis zwischen Polen und Ukrainern zu sprechen kommt. Die ukrainischen Nazikollaborateure, die sich schon bei den Massakern an der jüdischen Bevölkerung Galiziens hervorgetan hatten, beschlossen nämlich, als die Niederlage der Hitlerwehrmacht schon absehbar war, noch schnell die galizischen Polen zu vertreiben, wobei die Vertreibung von jenen Massakern begleitet wurde, die unter der Bezeichnung „Wolhynien“ bekannt sind. Jenes Gebiet der heutigen Westukraine, in dem Bandera besonders verehrt wird und das das Kerngebiet der ukrainischen Nazis darstellt, ist also das Produkt eines doppelten Genozids; eine Tatsache, die ohne offene gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Schuld geradezu toxisch werden musste.

Man müsste eigentlich annehmen, dass die Abscheu der polnischen Politik gegenüber Anhängern von Bandera und insbesondere von Roman Schuchewitsch, der schon in den 1930ern in Polen als Terrorist tätig war, noch ausgeprägter sein müsste als die immer lauthals verkündete vor Russland. Schließlich war das Verhalten der ukrainischen Nazikollaborateure den Polen gegenüber um keinen Deut besser als das der Nazis selbst.

Aber es ist gerade „Solidarität mit der Ukraine“ angesagt, und daher gab sich der polnische Premierminister Mateusz Morawiecki am Gedenktag für das Wolhynien-Massaker große Mühe, der Geschichte eine Wendung zu verleihen, die mit den aktuellen Zielen der NATO kompatibel ist. Das zu schaffen, muss man schon ein geistiges Gegenstück eines Schlangenmenschen sein. Aber Morawiecki gab sich alle Mühe.

Sein Einstieg war der (durchaus nicht völlig unberechtigte) Vorwurf, das Wolhynien-Massaker sei viel zu lange verschwiegen worden. Darauf folgte die pathetische Versicherung, er werde „nicht ruhen, bis wir das letzte Grab, die Grabstätte jener gefunden haben, die in Wolhynien und dem gesamten östlichen Grenzgebiet ermordet wurden.“ Und dann setzte er noch nach, „dieser unglaubliche Hass, der damals die ukrainische Hand führte, darf nicht vergessen werden, den wenn jemand diese Tatsachen verbergen will, selbst aus guten Absichten, diese Wirklichkeit mit dem Staub des Vergessens bedeckt, Vergessen, das schadet unseren beiden Nationen.“

So weit, so gut, aber die Strecke bis zu jenen, die Gedenkmärsche für die Waffen-SS veranstalten, hat sich damit eigentlich noch verlängert. Man kann den Wendepunkt genau zwischen zwei Sätzen lokalisieren. Der erste Satz gehört noch zu einer Rede, die an der Wirklichkeit anknüpft: „Daher wird es keine Versöhnung auf der Grundlage von Falschheiten, Vergesslichkeit oder Lügen geben.“ Und nun folgt die Kehrtwende: „Und dies muss der Anfangspunkt sein, dies ist der Anfangspunkt der Versöhnung.“

Man kennt dieses Vokabular aus der etwas eigenartigen Beschäftigung der deutschen Amtskirchen mit dem Massenmord an den europäischen Juden. Man suchte Versöhnung. Was die Variante Morawiecki allerdings besonders bizarr macht, ist, dass, selbst wenn man sich auf dieses Schema einlassen will, es üblicherweise die Täter sind, die Versöhnung anbieten oder eher, um Versöhnung bitten. Gab es je einen entsprechende Aussage seitens der ukrainischen Regierung? Irgendwelche Angebote an Entschädigung für die Opfer oder ihre Nachfahren? Wenn ja, muss das sehr leise und äußerst heimlich geschehen sein … Denn der Terrorist Schuchewitsch ist nach wie vor Nationalheld der Ukraine, und auch sein Bild wird gerne auf Fackelzügen durch Städte getragen.

„Heute erfährt die Ukraine diesen Hass, diesen schrecklichen Nationalismus, dem sie sich vor achtzig Jahren hingab.(…) Wie sehr sich diese Herangehensweise von gutem, warmem, gesundem Patriotismus unterscheidet, der Liebe für das eigene Heimatland, aber Respekt für das anderer ist, und der Nationalismus ist Hass gegen die anderen, Verachtung, und, in der Konsequenz, Sklaverei und Tod.“

Mir fallen bei dieser Formulierung die verkohlten Leiber aus dem Gewerkschaftshaus in Odessa ein, die Toten auf den Straßen von Mariupol wenige Tage danach, oder all die Tausende Opfer des ukrainischen Beschusses im Donbass im Verlauf der letzten acht Jahre. Aber das meint Morawiecki nicht.

„Heute sieht die Ukraine, dass die russische Welt der Erbe der Organisation Ukrainischer Nationalisten und der UPA ist.“ Die Mitglieder von Asow würden ihm da sicher widersprechen. „Heute ist es Putin, der Kreml und Moskau, die genozidal und kriminell handeln und immer mehr an die schlimmsten Völkermordverbrechen erinnern, die aus der Weltgeschichte bekannt sind.“

Gäbe es einen Preis für intellektuellen Kontortionismus, der polnische Premier hätte ihn sich damit gesichert. In dem Land, in dem die Todeslager der Nazis errichtet wurden, das beträchtliche Teile seiner Bevölkerung in diesen Lagern verlor, aus Anlass eines Massakers, das von den geistigen Ahnen der heutigen Kiewer Machthaber begangen wurde, ausgerechnet Russland des Völkermords zu beschuldigen, dazu bedarf es schon besonderer Dreistigkeit.

Aber es muss sein, denn Morawiecki führt Polen auf den selben abschüssigen Weg, auf dem es sich schon im Sommer 1939 bewegte. Wider besseres Wissen vertraut er nicht nur völlig den Briten, die Polen damals so skrupellos verraten hatten. Nicht Kiew sei es, das zügellosen Hass kultiviere, sondern Moskau.

„So bewegen wir uns zwischen der Scylla der falschen Versöhnung und der Charybdis des ewigen Hasses. Dieser ewige Hass, der vor langer Zeit in die Herzen gewachsen ist und das Blut der Verwandtschaft vergiftet hat, ist im Interesse jener, die uns und die Ukraine der Freiheit und der Souveränität berauben wollen.“

Also der EU oder der Vereinigten Staaten? Nein, Moskau natürlich. Immer nur Moskau. Da waren in Bezug auf Souveränität in den letzten Jahren schon ganz andere Töne zu hören aus Warschau. Aber offenkundig ist die Neutralisierung des Themas Wolhynien gerade von zentraler Bedeutung.

Wäre das ein Film und kein Text, käme jetzt ein Schwenk und ein Schnitt. Denn um zu verstehen, warum der polnische Premier diese geistigen Turnübungen vollzog, muss man auf ein völlig anderes Detail schauen. Die polnischen Gasspeicher sind zu hundert Prozent gefüllt.

Nachdem Polen lauthals erklärt hat, es beziehe kein russisches Gas mehr, und tatsächlich die Jamal-Pipeline seit Monaten nur in der Gegenrichtung füllt, stellt sich natürlich die Frage, wie das sein kann. Schließlich heißt das, dass dieses immer noch russische Erdgas, das die polnischen Speicher gefüllt hat, aus Deutschland kam. Mithin aus einem Land, in dem es schon fast außer Inflation und drohendem Gasmangel kein anderes Thema mehr gibt.

Es wundert nicht, dass die deutschen Energieversorger Erdgas nach Polen weitergeleitet haben, wenn dort Spotmarktpreise gezahlt werden. Die entscheidende Frage lautet, warum die Bundesregierung diesen Abfluss zugelassen hat, den sie eigentlich im grundlegenden nationalen Interesse hätte blockieren müssen – und den sie hätte blockieren können.

Den Grund für diese politische Entscheidung wird man in Washington suchen müssen, nicht in Berlin. Scholz & Co. blieben nur ihrer Rolle als transatlantische Bettvorleger treu. Wenn man aber davon ausgeht, dass die Bundesregierung im US-Auftrag ein Auffüllen der polnischen Gasspeicher bei eigenem Mangel zulässt, wofür sollen die polnischen Speicher gefüllt sein?

Es gibt genau einen Punkt, eine mögliche Entwicklung, bei der beides, die rhetorische Akrobatik Morawieckis wie die Füllung der Gasspeicher, Sinn macht. Und man kann diese Möglichkeit nicht ins Auge fassen, ohne die Polen wegen der Wahl ihrer Bündnispartner zu bedauern. Diese mögliche Entwicklung ist eine polnische Beteiligung am Krieg in der Ukraine, und zwar nicht, um Galizien zurückzuholen (was zwangsläufig bedeuten würde, irgendwie diese Bandera-Ideologie bekämpfen zu müssen), sondern um weitere Truppen für Kiew zu liefern.

Das heißt nicht, dass sich das einfach realisieren ließe. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Stimmung in der polnischen Bevölkerung jetzt bereits kippt, nachdem in großem Maßstab näherer Kontakt mit den Trägern von Hakenkreuztätowierungen und SS-Runen ermöglicht wurde. Es ist auch nicht gesagt, dass alle Teile der polnischen Armee es als ihre Aufgabe sehen, den Kult Banderas zu retten; denkbar, dass sich einige bei der Vorstellung mit Grausen abwenden.

Aber Morawiecki, der die Belohnung in Gestalt voller Gasspeicher gewissermaßen bereits erhalten hat, scheint durchaus willens, seine Landeskinder ebenso den US-Interessen zu opfern wie dies bereits Selenskij tut. Danach wird Polen dann entsetzt feststellen, dass es seine Souveränität wieder einmal verspielt hat, noch weitgehender als die deutsche Bundesregierung, die als abschreckendes Beispiel eigentlich genügen würde.

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