Was Experten über Straßenkunst in Russland sagen — RT DE

2 Aug. 2022 06:15 Uhr

Im Rahmen der Russischen Kreativwoche diskutierten Künstler, Kunstkritiker und Stadtplaner über zeitgenössische Straßenkunst. Die Sachverständigen erläuterten, wie Vandalismus von Kunst zu unterscheiden ist sowie die Rolle der Straßenkunst im Rahmen der Wohnkultur.

Ein Bericht von Farsona Schirinbek

Vom 7. bis 10. Juli fand in Moskau die Russische Kreativwoche statt, bei der die Diskussion „Don’t erase – it’s art“ abgehalten wurde. Die Sachverständigen erörterten, wie man zwischen Straßenkunst und Vandalismus unterscheiden kann und welche Rolle Straßenkunst bei der Verbesserung des städtischen Raums spielt.

Juri Omeltschenko, der Moderator der Diskussion, stellte fest, dass Straßenkunst heute zu den „überaus populären“ Kunstrichtungen gehört, die sich „von einer einst marginalen Beschäftigung“ in eine neue, bunte Vielfalt der Malerei verwandelt.

Laut der Kunsthistorikerin Anastasia Postrigei gehen einige Formen der Straßenkunst auf primitivere Zeiten zurück, deren Bedeutung sich im Laufe der Jahre wandelte. Im 20. Jahrhundert habe die Straßenkunst drängende soziale Fragen aufgeworfen. In New York zum Beispiel sei Straßenkunst oft zu einem Akt des Kampfes geworden. Postrigei erklärte:

„Die Künstler aus dem Ghetto hinterließen in den Zügen Nachrichten an das wohlhabende Zentrum New Yorks. Hierdurch äußerten sie ihren Protest und ihre Haltung gegenüber sozialer Ungleichheit.“

Die Experten wiesen jedoch darauf hin, dass nicht alles, was heute auf den Straßen zu finden ist, auch als Straßenkunst betrachtet werden kann. Es gebe eindeutige Beispiele für Vandalismus, für die das Strafgesetzbuch Geldstrafen, Strafarbeiten oder Haft bis zu drei Monaten vorsehe. Das eine vom anderen zu unterscheiden sei aber nicht schwierig.

„Solange die Wandmalereien, Tags oder andere Erscheinungsformen dieser Kunst eine Idee herüberbringen und dazu beizutragen, den kulturellen Code der Stadt zu visualisieren und sie zu einem Freilichtmuseum machen, kann man sie als Straßenkunst bezeichnen. Handelt es sich aber um eine spontan ausgedrückte, meist negative Emotion eines Jugendlichen, der einen Zugwaggon bemalt, handelt es sich um Vandalismus“, erklärte Anastasia Postrigei.

Die Street-Art-Künstlerin Viktoria Weissbrut behauptete jedoch, dass kein einziger Künstler seine Arbeit als Vandalismus bezeichnen würde. Für jeden bedeute es Kreativität – und andere wie etwa Kunstkritiker geben den Werken ihre Bedeutung. Laut Weissbrut gelte heute als Kunst, was früher als Vandalismus wahrgenommen worden sei. Junge Künstler seien gezwungen, sich auf illegale Weise Raum für ihre Kreativität zu verschaffen. Weissbrut selbst zieht es vor, auf legalen Objekten zu arbeiten.

Tatsächlich ändert sich im Laufe der Zeit die Einstellung der Öffentlichkeit zu bestimmten Werken der Straßenkunst. Dmitry Ljovotschkin, der Organisator des Festivals Culture Code, nannte das Beispiel des Künstlers John Crash Mathos, der seinen Weg zur Kunst mit der Bemalung von U-Bahn-Wagen und baufälligen New Yorker Gebäuden begann. Heute werden seine Werke auf großen Auktionen versteigert.

Straßenkunst als Element der Landschaftsgestaltung

Heute ist Straßenkunst nicht nur unter dem Gesichtspunkt des kreativen Selbstausdrucks der Künstler interessant. Sie spielt ebenfalls eine bedeutende Rolle bei der Verschönerung von Wohngebieten in ganz Russland. In mehreren Städten hat sie eine besondere Bedeutung erlangt. Nach Ansicht von Dmitri Ljowotschkin kann die Straßenkunst die städtische Umwelt verändern.

Jekaterinburg kann als die Hauptstadt der russischen Straßenkunst bezeichnet werden, mit vielen berühmten Wandmalereien und Touren zum Thema Straßenkunst.
Der Urbanist, Stadt- und Verkehrsplaner Alexei Radtschenko stellte fest, dass Straßenkunst sozusagen ein Wahrzeichen der Stadt sei; eine Sprache, mit der die Stadt zu ihren Bürgern spreche.

Ljowotschkin ist der Überzeugung, dass der Wunsch, ein Wohngebiet zu verschönern, von den Stadtbehörden und den Bewohnern ausgehen muss. Bei seinen Projekten folgt der Künstler einer klaren Regel: Er arbeitet nur im Dialog mit den Behörden. Dies trägt zur Vermeidung von Missverständnissen aufseiten der Verwaltungen und der Bürger bei. Außerdem müssten vor Beginn der Arbeiten die Fassaden der Gebäude vorbereitet und die städtische Umgebung in Ordnung gebracht werden, was ohne Zusammenarbeit ebenfalls schwer zu bewerkstelligen sei, erlärte Ljowotschkin.

Als Beispiel nannte Radtschenko die Stadt Sankt Petersburg, wo häufig Diskussionen über Straßenkunst geführt würden. Weissbrut erinnerte daran, wie sie im Jahr 2019 die Initiative ergriff, ein Porträt von Juri Gagarin an der Zufahrt zur Stadt Kaluga zu malen. Der Vorschlag wurde angenommen, doch zeigte das Fräulein ihre kreative Fantasie und präsentierte den Raumanzug des Astronauten in leuchtenden Farben, was vielen Anwohnern nicht gefiel.

Derartige Konflikte sind unvermeidlich, wenn die Absicht des Künstlers noch keine Zustimmung der Öffentlichkeit gefunden hat, sagte Alexei Raschodtschikow, Mitvorsitzender des Zentrums für Urbanistik „City“. Seiner Ansicht nach liegt das daran, dass die Menschen gewohnt sind, die angesammelten Werte an die nächste Generation weiterzugeben, während die Kunst in die Zukunft blickt.

„Die Künstler spüren den Wandel der Zeit und versuchen diesen zu vermitteln, doch sie werden nicht immer verstanden“, sagte der Experte. Er erinnerte daran, dass in Frankreich im 19. Jahrhundert die Anwohner das Eiffelturm-Projekt kritisiert hatten. Heute sei der Turm aber ein Markenzeichen des Landes. Ein weiterer Aspekt dieser Konflikte bestehe darin, dass es der russischen Gesellschaft an Dialog mangele.

Raschodtschikow erklärt die Abneigung der Bürger gegen Straßenkunst damit, dass eine Straße, ein Hof oder ein anderer öffentlicher Raum „zwar immer gemeinschaftlich ist, aber gleichzeitig auch persönlich“.

„Wenn wir etwas Neues in diesen Raum einbringen, egal in welcher Größe oder in welchem Umfang, ist jede Art von Eingriff auch ein Eingriff in den persönlichen Raum der Menschen“, erklärte der Sachverständige. Raschodtschikow hob hervor, dass man sich auf die Gemeinschaft des Hofes oder der Nachbarschaft verlassen und einen Dialog führen müsse.

Übersetzt aus dem Russischen.

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