Krieg, Preisgabe und Teilung – Russlands Wiederaufstieg im Spiegel der Geschichte

Von Maxim Artjomjew

Mehrere Artikel, welche die Washington Post im August veröffentlicht hat, waren den Ereignissen, die zu Russlands Intervention in der Ukraine geführt haben, und der ersten Phase der militärischen Operation gewidmet. Diese Beiträge werfen eine wichtige Frage auf: Wie realistisch und objektiv nehmen die Menschen im Westen die tatsächliche Situation wahr? Ich möchte auf einige wichtige Dinge hinweisen, die in den USA und in Europa oft unbeachtet geblieben sind.

Die Wurzeln des aktuellen Konflikts reichen in die Jahre 1991 bis 1985 zurück, als Michail Gorbatschow die UdSSR aus dem Wettrüsten herausholte und den Kalten Krieg beendete. Ein Schritt, der als Rettung der Welt vor einer möglichen nuklearen Apokalypse angesehen wurde. Als ob das nicht genug gewesen wäre, unternahm Gorbatschow eine Reihe weiterer einseitiger Schritte, die selbst die kühnsten Träume westlicher Politiker übertrafen. Die Sowjets zogen sich aus Afghanistan zurück, stimmten dem Abriss der Berliner Mauer zu und ermöglichten so die Wiedervereinigung Deutschlands.

Auch erlaubte man dem wiedervereinigten Deutschland, Mitglied der NATO zu werden, zog die sowjetischen Truppen aus Ostdeutschland ab, während amerikanische Truppen im Westen des Landes verblieben. Anschließend wurde der Warschauer Pakt aufgelöst, ohne dass eine rechtsverbindliche Bestimmung seine ehemaligen Mitglieder daran hinderte, sich der US-geführten Militärallianz anzuschließen.

Zudem stellte die Sowjetunion ihre Unterstützung für antiwestliche Kräfte im Süden der Welt von Nicaragua und Angola bis Kambodscha und Äthiopien ein. Obendrein geschah unter Gorbatschow etwas, was die USA nicht einmal zu wünschen gewagt hätten: Die UdSSR wurde aufgelöst, indem man einen Großteil des historischen Territoriums Russlands in 15 neue Nationalstaaten aufspaltete, was die Position Moskaus dramatisch schwächte und dem Land 50 Prozent seiner Bevölkerung entzog.

Was bekam das neue Russland, das aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion hervorgegangen war, im Gegenzug dafür? Einfach ausgedrückt: nichts. Es gab keine Gegenseitigkeit. Die NATO blieb bestehen und die USA gaben keinen Zentimeter ihrer Einflusszone auf. Sie entließen weder Guam, Samoa oder Puerto Rico in die Freiheit, noch gaben sie Guantánamo an Kuba zurück. Im Gegenteil, Washington nutzte Russlands Schwäche, um tief in historische russische Territorien vorzudringen.

Washington weitete NATO-Mitgliedschaften nicht nur auf osteuropäische Länder aus, die nichts zu befürchten hatten, wie zum Beispiel die Tschechische Republik oder Ungarn, die beide mitten in Europa liegen, sondern auch auf die baltischen Staaten, die seit dem frühen 18. Jahrhundert größtenteils unter russischer Kontrolle standen. Die USA hörten hier aber nicht auf und stellten der Ukraine und Georgien einen NATO-Beitritt in Aussicht. Beide sind Heimatländer der am längsten amtierenden sowjetischen Staatsführer: Leonid Breschnew aus der Ukraine und Josef Stalin aus Georgien.

Seit 1992 verfolgen die USA offen eine Politik, den Integrationsbestrebungen von Moskau im postsowjetischen Raum entgegenzuwirken. Washington hat alles getan, um sicherzustellen, dass Russland niemals als Großmacht wiedergeboren würde. Und natürlich wurde weder der UdSSR unter Gorbatschow noch Russland unter Präsident Boris Jelzin nennenswerte finanzielle Hilfe gewährt. Alles war eine einzige Einbahnstraße. Lassen Sie es mich wiederholen: Der Westen hat alles bekommen, Russland nichts.

Russland wurde geschwächt und zerstückelt. Aber keines der von den USA und der UdSSR (beziehungsweise Russland) unterzeichneten Dokumente verlangte, dass Russland sich selbst zerstören müsse. Bereits im August 1991 forderte sogar der damalige US-Präsident George H. W. Bush in Kiew die Ukraine auf, die Sowjetunion nicht auseinanderzureißen, da ihm bereits bewusst geworden war, dass ein Schritt in diese Richtung zu unzähligen Katastrophen führen würde.

Es stimmt, dass die meisten sowjetischen und anschließend russischen Politiker der 1980er- und 1990er-Jahre nicht von großem Kaliber waren. In den Augen vieler ihrer Landsleute gibt es keinen Fehler – oder Verrat, wenn man den Begriff bevorzugt –, den sie nicht begangen haben. Doch ihre westlichen und insbesondere ihre US-amerikanischen Kollegen hätten angesichts der russischen Opfer zivilisierter handeln müssen. Sie hätten darauf verzichten können, die vorübergehende Schwäche Moskaus auszunutzen, aber stattdessen versuchten sie davon zu profitieren.

Man sollte bedenken, dass die UdSSR keine im Zweiten Weltkrieg besiegte Partei war wie Japan oder Deutschland und keine Kapitulation unterzeichnen musste. Russland war nicht verpflichtet, sich in 15 Einzelstaaten zu zerstückeln. Der Zusammenbruch des historischen Russlands war das Ergebnis von Gorbatschows bemerkenswert schwacher Führung und dem persönlichen Ehrgeiz Boris Jelzins, der seine Macht zu festigen versuchte, wenn auch nur über einen viel kleineren Staat. Niemand berücksichtigte das Schicksal eines Landes, dessen Entstehung Jahrhunderte gedauert hatte, und vor allem nicht das Schicksal der Menschen, die darin lebten.

Einige mögen jetzt behaupten, dass die Zerstückelung Russlands schon vor 1991 ein zentrales Ziel des Westens gewesen sei und dass die Menschen in Weißrussland oder Tadschikistan über die Zeit hinweg von einer Unabhängigkeit träumten. Solche Spekulationen klingen für jeden, der in der Sowjetunion gelebt hat, absolut lächerlich. Westliche Politiker haben solche Themen bei ihren Treffen mit Nikita Chruschtschow, Leonid Breschnew oder Michail Gorbatschow nie angesprochen.

Polen, derzeit eine der aggressivsten russophoben Nationen, kennt das Trauma des Zerfalls eines Landes aus erster Hand. Warschau wurde jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg von Stalin großzügig belohnt, indem er Polen die Kontrolle über Schlesien, Ostpreußen und Pommern übertrug. Auf der anderen Seite hat niemand die Verluste Russlands kompensiert. Um es in einen Kontext zu stellen: Die Russische Föderation ist heute nicht nur Polen ohne Lemberg, Grodno und Vilnius, sondern auch ohne Breslau, Stettin und Danzig.

Stellen wir uns vor, dass die französischen Kommunisten unter der Führung von Maurice Thorez nach 1945 in Frankreich an die Macht gekommen wären und anschließend das Land in nationale Republiken aufgeteilt hätten: In die Bretagne, Elsass-Lothringen, Flandern, Korsika, Okzitanien und andere, so wie es in Russland nach 1917 geschehen war. Man stelle sich nun vor, dass die Herrschaft der französischen Kommunisten 1991 zusammengebrochen wäre und in der Folge diese nationalen Republiken sich zu unabhängigen Staaten erklärt hätten. Okzitanien hätte anschließend damit begonnen, die französische Sprache zu verbieten und Statuen des Schriftstellers und Politikers Victor Hugo niederzureißen, um sie durch Denkmäler für den Dichter Frédéric Mistral zu ersetzen, während die Regierung in Marseille von Paris eine Entschädigung für die koloniale Unterdrückung und den Niedergang der okzitanischen Sprache fordern würde.

Vielleicht sollte sich Emmanuel Macron jedes Mal, wenn er sich für die Ukraine ausspricht, zusätzlich die Frage stellen: Was habe ich für die Freiheit von Okzitanien getan?

Geschichte endet nie. So wie Russland zerfiel, kann es auch wieder ein Ganzes werden. Das ist in der Vergangenheit schon zweimal passiert. Das erste Mal Anfang des 17. Jahrhunderts während der Zeit der Wirren und dann nach der Revolution von 1917. Anzunehmen, dass dieser Prozess einseitig sei, wäre falsch. Deutschland und Italien wurden nach Hunderten von Jahren der Zersplitterung wieder vereint. Es dauerte zweitausend Jahre, bis der Staat Israel wiedergeboren wurde. Jetzt hat es 30 Jahre gedauert, den Trend von 1991 umzukehren. Wer weiß, wohin das führt.

Aus dem Englischen.

Maxim Artjomjew ist ein russischer Schriftsteller, Historiker und Journalist.

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